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Elfte Stunde

Parmenides sagt hier wohl nicht nur aus Gründen des sprachlichen Ausdruckes, sondern aus sachlichen Gründen: ἄνευ τοῦ ἐόντος statt ἄνευ τοῦ εἶναι. Das Wort ανευ bedeutet »ohne« im Sinne von gesondert; ἄνευ ist das Gegenverhältnis zu σύν, d. h. zusammen; ού γὰρ ἄνευ, nicht nämlich gesondert von..., vielmehr: nur zusammen mit...; das γάρ, nämlich, bezieht sich auf ταύτόν, τὸ αὐτό, das Selbe. Was bedeutet demnach das Wort τὸ αύτό, das Selbe? Es bedeutet das Zusammengehörige.

τὸ γὰρ αὐτό νοεῖν ἐστίν τε καὶ εἶναι.
»das nämlich Selbe In-die-Acht-nehmen ist so auch Anwesen des Anwesenden.«

Beide gehören zusammen, nämlich so, daß das zuerst genannte νοειν sein Wesen darin hat, in das Anwesen von Anwesendem eingewiesen zu bleiben. Das ἐόν, das Anwesen des Anwesenden, verwahrt demnach das νοειν bei sich und zwar als das zu ihm Gehörige. Aus dem ἐόν, aus dem Anwesen des Anwesenden, spricht die Zwiefalt beiderb. Aus ihr spricht das Geheiß, das in das Wesen des Denkens heißt, dieses in sein Wesen einläßt und es bei sich verwahrt.

Inwiefern ist dies so? Weshalb und auf welche Weise wird das Denken vom Sein des Seienden her in sein Wesen gewiesen, dahin geheißen? Daß es so ist, sagt Parmenides eindeutig in Fragment III und VIII, 54/36. Doch Parmenides spricht freilich nicht vom Geheiß. Er sagt wohl: im Anwesen des Anwesenden spricht das Geheiß, das in das Denken ruft, welcher Ruf das Denken so in sein Wesen ruft, daß es das νοεῖν in das εἶναι einweist.

Parmenides gibt jedoch an der zweiten der jetzt genannten Stellen einen entscheidenden Hinweis darauf, weshalb und in welcher Weise das νοεῖν mit dem εἶναι zusammengehört. Um diesem Hinweis folgen zu können, ist mehr verlangt als das, was diese Vorlesung beizubringen vermochte. Zuvor müßte das Wesen der Sprache bedacht werden und zwar im Hinblick auf das,


b unentfaltet!


Martin Heidegger (GA 8) Was heisst Denken?

What Is Called Thinking? pp. 241-242