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Letzte, nicht vorgetragene Vorlesung (zwölfte Stunde) aus dem Sommer semester 1952


Zu S. [247 in: Was heißt Denken?]
Parmenides. VIII, 34 f. lautet:
ταύτόν δ' ἐστὶ νοειν τε και ούνεκεν εστι νόημα.
ού γάρ άνευ του έόντος, έν ώι πεφατισμένον εστιν,
εύρήσεις τό νοειν ούδ' ήν γάρ ή εστιν ή εσται
αλλο πάρεξ τοϋ έόντος, έπει τό γε Μοΐρ' έπέδησεν
οΰλον άκίνητόν τ' εμμεναι.
»Dasselbe aber ist Denken als auch weswegen ist Gedachtes.
Nicht nämlich ohne das Seiende, in dem es Gesagtes ist,
wirst du finden das Denken — nicht war nämlich oder ist oder wird sein
Anderes außer neben dem »Seiend«, nachdem dies doch Geschick fesselte
ganz, unbewegbar auch, zu sein.«

Was ist in diesen Worten zum Verhältnis von νοειν und ειναι, »Denken und Sein« gesagt?

Die verschiedenen üblich gewordenen Auslegungen halten sich, so weit ich sehe, jeweils an eine der drei folgenden Hinsichten, die auch im Text jedesmal eine gewisse Stütze finden.

Einmal nimmt man das Denken als etwas, das wie vieles andere auch vorkommt und ist. Dieses Seiende muß demgemäß wie jedes seinesgleichen dem übrigen Seienden zugerechnet und in dieses eingerechnet, »integriert« werden. Das Integral ist eine Art von Summe und Summierung. Nach der genannten Hinsicht ist das Denken mit dem Seienden gleichartig. Die Summe des Seienden heißt das Sein. So erweist sich dann das Denken als das Gleiche wie das Sein. Um diese Feststellung zu treffen, bedarf es kaum der Philosophie. Das Gesagte gilt nicht nur vom Denken als einem Vorkommnis. Es gilt auch vom Befahren des Meeres, vom Häuserbau, von jedem menschlichen Tun. Man wundert sich, weshalb Parmenides dergleichen gerade hinsichtlich des Denkens ausdrücklich feststellt, weshalb er dafür noch eine besondere