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12 Anmerkungen zu Karl Jaspers

führung diesen Tendenzen selbst und ihren abhebbaren Vorweisungen genuin entsprechen, ob überhaupt diese Motive und Tendenzen selbst radikal genug geschöpft sind im Hinblick auf die vortastende Grundrichtung des Philosophierens. Auf solche Weise bleibt jede bestimmt orientierte Maßstab-Kritik außer Funktion gesetzt. Jaspers' Betrachtungen werden also nicht konfrontiert mit einer ausgeformten, in ihrer Weise sicher fundierten Philosophie und auch nicht abgeschätzt auf ihren Abstand von einer durchgeführten sachlichen Systematik des philosophischen Problembezirks. Ebensowenig sollen sie gemessen werden an einem fixierten Ideal methodischer wissenschaftlich-philosophischer Strenge. Wo solche Maßstäbe im eigenen Philosophieren verfügbar geworden sind, kann eine solche MaßstabKritik nicht nur berechtigt, sondern auch dringlich sein, um so mehr dann, wenn die in Rede stehende Arbeit als beunruhigend, aufreizend und herausfordernd empfunden wird. Aber auch insofern soll eine Maßstab-Kritik ausgeschaltet bleiben, als die Untersuchung nicht beurteilt wird nach Ideen wie »absolute Wahrheitsgeltung«, »Relativismus« und »Skeptizismus«. Eine solche Messung unterbleibt deshalb, weil diese Anmerkungen gerade das Gewissen dafür schärfen möchten, einmal wieder radikal nach den im eigentlichen Sinne »geistesgeschichtlichen«, sinngenetischen Ursprungsmotiven solcher philosophischen Erkenntnisidealsetzungen zurückzutragen und von neuem auszumitteln, ob sie dem Grundsinn des Philosophierens genügen oder nicht vielmehr ein in langer, zu Unechtheit abfallender Tradition verfestigtes, einer ursprünglichen Aneignung längst entbehrendes Schattendasein führen. Dabei bleibt die Überzeugung lebendig, daß solche Gewissensschärfung nicht erledigt und in echter Weise überhaupt nicht angesetzt ist mit der »Erfindung« eines »neuen« philosophischen Programms, sondern daß sie sich ganz konkret zu vollziehen hat in bestimmt gerichteter, geistesgeschichtlicher Destruktion des Überlieferten, welche Aufgabe gleichbedeutend ist mit der Explikation der motivgebenden ursprünglichen Situationen, denen die philosophischen

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