Die vulgäre Auffassung des Verhältnisses van Theologie und Philosophie orientiert sich gern an den Gegensatzformen von Glaube und Wissen, Offenbarung und Vernunft. — Philosophie ist die offenbarungsferne, glaubensfreie Welt- und Lebensdeutung; Theologie dagegen ist der Ausdruck der glaubensmäßigen, in unserem Falle christlichen Welt- und Lebensauffassung, Philosophie und Theologie so genommen, geben dann der Spannung und dem Kampf zweier weltanschaulicher Positionen Ausdruck. Dieses Verhältnis wird nicht entschieden durch wissenschaftliche Argumentation, sondern durch die Art und das Ausmaß und die Kraft der weltanschaulichen Überzeugung und Verkündigung.

Wir fassen das Problem des Verhältnisses von vornherein anders, und zwar als die Frage nach dem Verhältnis zweier Wissenschaften.

Aber diese Frage bedarf der näheren Bestimmung. Es handelt sich hier nicht um einen Vergleich des faktischen Zustandes zweier geschichtlich vorliegender Wissenschaften, abgesehen davon, daß ein einheitlicher Zustand jeder der beiden heute schwer zu schildern wäre bei der Divergenz der Richtungen auf beiden Seiten. Auf diesem Wege eines Vergleiches des faktischen Verhältnisses wäre keine grundsätzliche Einsicht zu gewinnen, wie die christliche Theologie und die Philosophie zueinander sich verhalten.

Es bedarf daher, um einen Boden für die grundsätzliche Diskussion des Problems zu haben, einer idealen Konstruktion der Ideen beider Wissenschaften! Aus den Möglichkeiten, die beide als Wissenschaften haben, ist ihr mögliches Verhältnis zueinander zu entscheiden.

Eine solche Fragestellung aber setzt die Fixierung der Idee von Wissenschaft überhaupt voraus und die Kennzeichnung der grundsätzlich möglichen Abwandlungen dieser Idee. (Auf dieses


Martin Heidegger (GA 9) Wegmarken

GA 9