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Phänomenologie und Theologie

Zur Positivität einer Wissenschaft gehört:


1. daß überhaupt ein irgendwie schon enthülltes Seiendes in einem gewissen Umfange vorfindlich ist als mögliches Thema theoretischer Vergegenständlichung und Befragung.

2. daß dieses vorliegende Positum vorfindlich ist in einer bestimmten vorwissenschaftlichen Zu- und Umgangsart mit dem Seienden, in welcher Umgangsart sich schon die spezifische Sachhaltigkeit dieses Gebietes und die Seinsart des betreffenden Seienden zeigt, also vor aller theoretischen Erfassung, wenn auch unausdrücklich und ungewußt enthüllt ist.

3. gehört zur Positivität, daß auch dieses vorwissenschaftliche Verhalten zu dem vorliegenden Seienden (Natur, Geschichte, Wirtschaft, Raum, Zahl) schon erleuchtet und geführt ist von einem, wenngleich noch unbegrifflichen Seinsverständnis. Die Positivität nun kann, entsprechend der Sachhaltigkeit des Seienden, entsprechend seiner Seinsart und entsprechend der Weise der vorwissenschaftlichen Enthülltheit des betreffenden Seienden und der Art der Zugehörigkeit dieser Enthülltheit zum Vorliegenden, variieren.

Die Frage ergibt sich: welches ist die Positivität der Theologie? Diese Frage muß offenbar beantwortet sein, bevor wir ihr Verhältnis zur Philosophie zu bestimmen imstande sind. Allein mit der Charakterisierung der Positivität der Theologie ist diese als Wissenschaft noch nicht zureichend geklärt; wir haben so noch nicht den vollen Begriff der Theologie als Wissenschaft, sondern nur erst das, was ihr als positiver Wissenschaft eigentümlich ist. Vielmehr handelt es sich darum, zugleich, in der Orientierung an der spezifischen Positivität der Theologie ihren spezifischen Wissenschaftscharakter, ihre spezifische Wissenschaftlichkeit zu kennzeichnen, wenn anders die Thematisierung nach Fragerichtung, Untersuchungsart und Begrifflichkeit dem jeweiligen Positum sieht anmessen soll. Also erst die Charakterisierung der Positivität der Theologie und die Charakterisierung ihrer Wissenschaftlichkeit bringt uns diese Disziplin als positive Wissenschaft


Martin Heidegger (GA 9) Wegmarken

GA 9