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62 Phänomenologie und Theologie

Übermittlung von Kenntnissen über wirkliche, bzw, gewesene oder erst eintretende Vorkommnisse, sondern diese Mitteilung macht zum »Teil-nehmer« an dem Geschehen, welches die Offenbarung = das in ihr Offenbare selbst ist. Dieses nur im Existieren vollzogene Teil-nehmen ist aber als solches immer nur als Glauben durch den Glauben gegeben. In diesem »Teil-nehmen« und »Teil-haben« aber an dem Geschehen der Kreuzigung wird das ganze Dasein als christliches, d.h. kreuzbezogenes vor Gott gestellt, und die von dieser Offenbarung betroffene Existenz wird sich selbst offenbar in ihrer Gottvergessenheit. Und so ist seinem Sinn nach — ich spreche immer nur von einer idealen Konstruktion der Idee — das Gestelltwerden vor Gott ein Umgestelltwerden der Existenz in und durch die gläubig ergriffene Barmherzigkeit Gottes. Der Glaube also versteht sich selbst immer nur gläubig. Der Gläubige weiß nicht und nie, etwa auf Grund einer theoretischen Konstatierung von inneren Erlebnissen, um seine spezifische Existenz; er kann vielmehr diese Existenzmöglichkeit nur »glauben« als eine solche, deren das betroffene Dasein von sich aus nicht mächtig, in der das Dasein zum Knecht geworden, vor Gott gebracht und so wieder-geboren ist. Der eigentliche existenzielle Sinn des Glaubens ist demnach: Glaube = Wiedergeburt. Und zwar Wiedergeburt nicht im Sinne einer momentanen Ausstattung mit irgendeiner Qualität, sondern Wiedergeburt als Modus des geschichtlichen Existierens des faktischen gläubigen Daseins in der Geschichte, die mit dem Geschehen der Offenbarung anhebt; in der Geschichte, der schon dem Sinne der Offenbarung gemäß ein bestimmtes äußerstes Ende gesetzt ist. Das Offenbarungsgeschehen, das sich dem Glauben überliefert und demgemäß in der Gläubigkeit selbst geschieht, enthüllt sich nur dem Glauben. Luther sagt: »Glaube ist das Sichgefangengeben in den Sachen, die wir nicht sehen«. (Erl. Ausg. WW. 46, 287). Allein der Glaube ist nicht etwas, wodurch — worin lediglich das Heilsgeschehen als ein Vorkommnis offenbar wird, also gewissermaßen eine anders modifizierte Erkenntnisart, sondern der Glaube macht als Offenbarungsaneignung selbst das christliche


Martin Heidegger (GA 9) Wegmarken

GA 9