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Phänomenologie und Theologie

Geschehen mit aus, d. h. die Existenzart, die das faktische Dasein in seiner Christlichkeit als einer spezifischen Geschicklichkeit bestimmt. Glaube ist gläubig verstehendes Existieren in der mit dem Gekreuzigten offenbaren, d. h. geschehenden Geschichte.

Das Ganze dieses Seienden, das der Glaube enthüllt, und zwar derart, daß der Glaube selbst in diesen Geschehenszusammenhang dieses gläubig enthüllten Seienden gehört, macht die Positivität aus, die die Theologie vorfindet. Vorausgesetzt, daß nun aber die Theologie aus dem Glauben dem Glauben selbst und für ihn auferlegt ist, Wissenschaft aber frei vollzogene, begrifflich enthüllende Vergegenständlichung ist, konstituiert sich die Theologie in der Thematisierung des Glaubens und des mit ihm Enthüllten, d. h. hier »Offenbaren«. Eis ist wohl zu beachten, der Glaube ist nicht nur die Weise der enthüllenden Vorgabe des Positums, das die Theologie vergegenständlicht, sondern der Glaube fällt selbst ins Thema. Nicht nur das! Sofern die Theologie dem Glauben auferlegt ist, kann sie nur im Glauben selbst das zureichende Motiv für sich selbst haben. Würde der Glaube sich von Hause aus einer begrifflichen Auslegung widersetzen, dann wäre Theologie eine ihrem Gegenstand (dem Glauben) gerade durch und durch unangemessene Erfassxmg. Es fehlte ihr ein Wesensmoment, ohne das sie im vorhinein nie Wissenschaft werden könnte. Die Notwendigkeit der Theologie läßt sich daher nicht und nie aus einem rein rational entworfenen System der Wissenschaften deduzieren. Mehr noch: der Glaube motiviert nicht nur das Eingreifen einer die Christlichkeit auslegenden Wissenschaft; der Glaube ist als Wiedergeburt zugleich die Geschichte, zu deren Geschehen die Theologie selbst an ihrem Teil beitragen soll; und nur als dieses Ingredienz des Glaubens als des charakterisierten geschichtlichen Geschehens hat die Theologie ihren Sinn, und ihr Recht.

Indem wir eine Erläuterung dieses Zusammenhanges versuchen, zeigen wir, wie durch die spezifische Positivität der Theologie, d. h. durch das im Glauben als Glaube enthüllte christliche


Martin Heidegger (GA 9) Wegmarken

GA 9