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Phänomenologie und Theologie

Geschehen die Wissenschaftlichkeit der Wissenschaft des Glaubens vorgezeichnet wird.



b) Die Wissenschaftlichkeit der Theologie


Theologie ist die Wissenschaft des Glaubens.

Das besagt ein Mehrfaches:

1) Sie ist Wissenschaft von dem im Glauben Enthüllten, d. h. dem Geglaubten. Das Geglaubte ist dabei nicht etwas, wozu wir lediglich zustimmen als einem Zusammenhang von Sätzen über Tatbestände und Vorkommnisse, die zwar theoretisch nicht einsichtig sind, aber in der Weise eben dieser Zustimmung angeeignet werden können.

2) Die Theologie ist in eins damit Wissenschaft vom glaubenden Verhalten selbst, der Gläubigkeit, die nur je als geoffenbarte so ist, wie sie ihrer inneren Möglichkeit nach überhaupt sein kann. Das heißt, der Glaube als glaubendes Verhalten wird selbst geglaubt, gehört selbst mit in das Geglaubte.

3) Die Theologie ist ferner Wissenschaft des Glaubens nicht nur, sofern sie Glauben und Geglaubtes zum Gegenstand macht, sondern weil sie selbst aus dem Glauben entspringt. Sie ist die Wissenschaft, die der Glaube aus sich motiviert und rechtfertigt.

4) Die Theologie ist schließlich Wissenschaft des Glaubens, sofern sie nicht nur den Glauben zum Gegenstand hat und aus ihm motiviert wird, sondern weil die Vergegenständlichung des Glaubens selbst gemäß dem, was hier vergegenständlicht wird, einzig das Ziel hat, die Gläubigkeit selbst an ihrem Teil mit auszubilden. — Formal genommen ist nun der Glaube als das existierende Verhältais zum Gekreuzigten eine Weise des geschichtlichen Daseins, der menschlichen Existenz, und zwar des Geschichtlich-Seins in einer Geschichte, die sich erst im Glauben und nur für den Glauben enthüllt. Daher ist die Theologie als Wissenschaft vom Glauben als einer in sich geschichtlichen Seinsweise ihrem innersten Kerne nach eine historische Wissenschaft;


Martin Heidegger (GA 9) Wegmarken

GA 9