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Phänomenologie und Theologie

und zwar gemäß der im Glauben beschlossenen eigentümlichen Geschichtlichkeit — »Offenbarungsgeschehen« — eine historische Wissenschaft eigener Art.

Die Theologie zielt als begriffliche Selbstinterpretation der gläubigen Existenz, d.h. als historische Erkenntnis, einzig auf die in der Gläubigkeit offenbare und durch die Gläubigkeit selbst in ihren Grenzen umrissene Durchsichtigkeit des christlichen Geschehens. Ziel also dieser historischen Wissenschaft ist die christliche Existenz selbst in ihrer Konkretion, nie ein an sich gültiges System theologischer Sätze über allgemeine Sachverhalte innerhalb eines u. a. auch vorhandenen Seinsgebietes. Diese Durchsichtigkeit der gläubigen Existenz kann sich als Existenz-Verständnis immer nur auf das Existieren selbst beziehen. Jeder theologische Satz und Begriff spricht als solcher seinem Gehalt nach und nicht erst etwa nachträglich auf Grund sogenannter praktischer »Anwendung « in die gläubige Existenz des einzelnen Menschen in der Gemeinde hinein. Die spezifische Sachhaltigkeit des Gegenstandes der Theologie erfordert es, daß die angemessene theologische Erkenntnis sich nie als ein freischwebendes Wissen irgendwelcher Sachverhalte niederschlagen kann. Ebensowenig kann die theologische Durchsichtigkeit und begriffliche Interpretation des Glaubens diesen weder in seiner Rechtmäßigkeit begründen und sichern, noch seine Annahme und das Sichhalten in ihm in irgendeiner Weise erleichtern. Theologie kann den Glauben nur erschweren, das ist näher bringen, daß die Gläubigkeit gerade nicht durch sie — die Theologie als Wissenschaft — sondern einzig nur durch den Glauben gewonnen werden kann. So kann die Theologie den in der Gläubigkeit als »geschenkter« Existenzweise liegenden Ernst ins Gewissen schlagen lassen. Theologie »kann« dergleichen, d. h. sie vermag es, und zwar nur möglicherweise.

Die Theologie ist also, entsprechend der von ihr vergegenständlichten Positivität, eine historische Wissenschaft. Mit dieser These scheinen wir die Möglichkeit und Notwendigkeit sowohl einer systematischen als auch einer praktischen Theologie zu


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GA 9