61
Phänomenologie und Theologie

wird die Theologie selbst primär begründet durch den Glauben, wenngleich ihre Aussagen und Beweisgänge formed freien Vernunfthandlungen entspringen.

So ist denn auch das Versagen der nicht-theologischen Wissenschaften angesichts dessen, was der Glaube offenbart, kein Beweis für das Recht des Glaubens. Man kann die »glaubenslose« Wissenschaft nur dann gegen ihn anrennen und sie an ihm zerschellen lassen, wenn man zuvor schon an der Wahrheit des Glaubens gläubig festhält. Dann ist es aber ein Selbstmißverständnis des Glaubens, wenn er meint, sich durch dieses Zerschellen der Wissenschaften an ihm selbst allererst ins Recht zu setzen oder sich gar dadurch zu festigen. Alle theologische Erkenntnis ist in ihrer sachhaltigen Rechtmäßigkeit auf den Glauben selbst gegründet, sie entspringt aus ihm und springt in ihn zurück.

Auf dem Grunde ihrer spezifischen Positivität und der hierdurch vorgezeichneten Wissensform ist die Theologie eine völlig eigenständige ontische Wissenschaft. Es entsteht jetzt die Frage: wie verhält sich diese nunmehr in ihrer Positivität, wie in ihrer Wissenschaftlichkeit charakterisierte positive Wissenschaft zur Philosophie ?



c) Das Verhältnis der Theologie als positiver Wissenschaft zur Philosophie


Der Glaube bedarf nicht der Philosophie, wohl aber die Wissenschaft des Glaubens als positive Wissenschaft. Und zwar ist hier wieder zu scheiden: die positive Wissenschaft des Glaubens bedarf wiederum der Philosophie nicht zur Begründung und primären Enthüllung ihrer Positivität, der Christlichkeit, Diese begründet sich selbst in ihrer Weise. Die positive Wissenschaft des Glaubens bedarf der Philosophie nur mit Rücksicht auf ihre Wissenschaftlichkeit, Freilich auch das wiederum nur in einer zwar grundsätzlichen, aber doch, eigenartig eingeschränkten Weise.


Martin Heidegger (GA 9) Wegmarken

GA 9