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Phänomenologie und Theologie

Als Wissenschaft stellt sich die Theologie unter die Forderung der Ausweisung und der Angemessenheit ihrer Begriffe an das Seiende, das auszulegen sie als Aufgabe übernommen hat. Aber ist nun das in den theologischen Begriffen auszulegende Seiende nicht gerade nur durch den Glauben und für den Glauben und im Glauben enthüllt? Ist denn nicht das, was hier begrifflich gefaßt werden soll, das wesenhaft Unbegreifliche, mithin auf rein rationalem Wege weder in seinem Sachgehalt zu ergründen noch in seinem Recht zu begründen?

Allein es kann sehr wohl etwas unbegreiflich und durch Vernunft nie primär enthüllbar sein, es braucht gleichwohl nicht eine begriffliche Fassung von sich auszuschließen. Im Gegenteil: wenn die Unbegreiflichkeit als solche gerade in der rechten Weise enthüllt sein soll, dann geschieht das nur auf dem Wege der angemessenen und d. h. zugleich an ihre Grenze stoßenden begrifflichen Auslegung. Sonst bleibt die Unbegreiflichkeit gewissermaßen stumm. Diese Auslegung der gläubigen Existenz aber ist doch Sache der Theologie. Wozu also Philosophie? Allein jedes Seiende enthüllt sich, nur auf dem Grunde eines vorgängigen, wenngleich nicht gewußten vorbegrifflichen Verständnisses dessen, was dieses betreffende Seiende ist und wie es ist. Alle ontische Auslegung bewegt sich auf einem zunächst und zumeist verborgenen Grunde einer Ontologie. Kann jedoch dgl. wie Kreuz, Sünde etc., was offenbar zum Seinszusammenhang der Christlichkeit gehört, in seinem spezifischen Wassein und Wiesein anders verstanden werden, denn im Glauben? Wie soll das Wassein und Wiesein dieser für die Christlichkeit konstitutiven Grundbegriffe ontologisch enthüllt werden? Soll denn der Glaube Erkenntniskriterium einer ontologisch-philosophischen Explikation werden? Sind nicht gerade die theologischen Grundbegriffe einer philosophisch-ontologischen Besinnung völlig entzogen?

Es darf hier freilich etwas Wesentliches nicht außer acht gelassen werden: die Explikation von Grundbegriffen bewerkstelligt sich nämlich, sofern sie recht angesetzt ist, nie so, daß


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GA 9