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Phänomenologie und Theologie

ihrer vollen inneren Möglichkeit und damit ihre höhere Wahrheit erhalten. Die Korrektion ist vielmehr nur formal anzeigend, d. h. theologisch wird der ontologische Schuldbegriff nie als solcher Thema. Der Begriff der Sünde wird auch nicht einfach auf den ontologischen Begriff der Schuld aufgebaut. Gleichwohl ist dieser in einer Hinsicht bestimmend, und zwar formal in der Weise, daß er den ontologischen Charakter der Seinsregion anzeigt, in dem sich der Begriff der Sünde als Existenzbegriff notwendig halten muß.

In dieser formalen Anzeige der ontologischen Region liegt die Anweisung, nun gerade den spezifischen theologischen Gehalt des Begriffes nicht philosophisch zu errechnen, sondern aus und in der so angezeigten spezifischen Existenzdimension des Glaubens zu schöpfen und sich vorgeben zu lassen. Die formale Anzeige also des ontologischen Begriffes hat nicht die Funktion der Bindung, sondern umgekehrt der Freigabe und Anweisung auf die spezifische, d. h. glaubensmäßige Ursprungsenthüllung der theologischen Begriffe. Die gekennzeichnete Funktion der Ontologie ist nicht Direktion, sondern nur »mitanleitend«: Korrektion.



Philosophie ist das formal anzeigende ontologische Korrektiv des ontischen, und zwar vorchristlichen Gehaltes der theologischen Grundbegriffe.


Nun gehört es aber nicht zum Wesen der Philosophie und ist aus ihr selbst und für sie selbst nie zu begründen, daß sie eine solche korrektivische Funktion für die Theologie haben muß. Wohl dagegen läßt sich zeigen, daß die Philosophie als das freie Fragen des rein auf sich gestellten Daseins ihrem Wesen nach die Aufgabe der ontologisch begründeten Direktion bezüglich aller anderen nicht-theologischen, positven Wissenschaften hat. Als Ontologie gibt die Philosophie wohl die Möglichkeit, im Sinne jenes charakteristischen Korrektivs von der Theologie genommen


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GA 9