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Phänomenologie und Theologie

zu werden, wenn anders die Theologie mit der Faktizität des Glaubens faktisch werden soll. Die Forderung aber, daß sie so genommen werden muß, stellt nicht die Philosophie als solche, sondern gerade die Theologie, sofern sie sich als Wissenschaft selbst versteht. Und daher ist in der genauen Bestimmung und zusammenfassend zu sagen:


Die Philosophie ist das mögliche, formal anzeigende ontologische Korrektiv des ontischen, und zwar vorchristlichen Gehaltes der theologischen Grundbegriffe. Philosophie kann aber sein, was sie ist, ohne daß sie als dieses Korrektiv faktisch fungiert.


Dieses eigentümliche Verhältnis schließt nicht aus, sondern eben ein, daß der Glaube in seinem innersten Kern als eine spezifische Existenzmöglichkeit gegenüber der wesenhaft zur Philosophie gehörigen und faktisch höchst veränderlichen Existenzform der Todfeind bleibt3. So schlechthin, daß die Philosophie gar nicht erst unternimmt, jenen Todfeind in irgendeiner Weise bekämpfen zu wollen! Dieser existenzielle Gegensatz zwischen Gläubigkeit und freier Selbstübernahme des ganzen Daseins, der schon vor der Theologie und der Philosophie liegt und nicht erst durch diese als Wissenschaften entsteht, dieser Gegensatz muß gerade die mögliche Gemeinschaft von Theologie und Philosophie als Wissenschaften tragen, wenn anders diese Kommunikation eine echte, von jeglicher Illusion und schwächlichen Vermittlungsversuchen freie soll bleiben können. Es gibt daher nicht so etwas wie eine christliche Philosophie, das ist ein »hölzernes Eisen« schlechthin. Es gibt aber auch keine neukantische, wertphilosophische, phänomenologische Theologie, so wenig wie eine phänomenologische Mathematik. Phänomenologie


3 Daß es sich hier um die grundsätzliche (existenziale) Gegenüberstellung zweier Existenzmöglichkeiten handelt, die ein je faktisches, existenzielles, gegenseitiges Ernstnehmen und Anerkennen nicht aus- sondern einschließt, sollte nicht erst weitläufig diskutiert werden müssen.


Martin Heidegger (GA 9) Wegmarken

GA 9