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Vom Wesen des Grundes

das Wesen des Grundes? Die gewöhnliche und verkürzte Fassung des Satzes lautet: nihil est sine ratione, nichts ist ohne Grunda. In der positiven Umschreibung sagt das: omne ens habet rationem, jedes Seiende hat einen Grund. Der Satz sagt über das Seiende aus und das aus der Hinblicknahme auf so etwas wie »Grund«b. Was jedoch das Wesen von Grund ausmacht, wird in diesem Satz nicht bestimmt. Das ist für diesen Satz als eine selbstverständliche »Vorstellung« vorausgesetzt. Der »oberste« Satz vom Grunde macht aber noch in anderer Weise vom ungeklärten Wesen des Grundes Gebrauch; denn der spezifische Satzcharakter dieses Satzes als eines »Grund«-satzes, das Prinziphafte dieses principium grande (Leibniz) läßt sich ursprünglich doch nur im Hinblick auf das Wesen von Grund umgrenzen.

So ist der »Satz vom Grunde« sowohl in seiner Setzungsweise als auch in dem von ihm gesetzten »Gehalt« fragwürdig, wenn anders das Wesen von Grund über eine unbestimmt allgemeine »Vorstellung« hinaus Problem werden kann und sollc.

Wenn der Satz vom Grunde gleich über den Grund als solchen keine Aufhellung gibt, so kann er doch zum Ausgang einer Kennzeichnung des Problems des Grundes dienen. Freilich unterliegt der Satz — von den genannten Fragwürdigkeiten noch ganz abgesehen — mannigfachen Deutungen und Einschätzungen. Für die jetzige Absicht liegt es jedoch nahe, den Satz in der Fassung und Rolle aufzunehmen, die ihm erstmals

a 1. Auflage 1929: Wo und wann Seyendes, da Grund, also; Gründung überall, wo Seyn. Welchen Wesens ist Seyn, daß zu ihm Gründung gehört, und was heißt da Gründung und wie ist das >Gehören< zu verstehen und wie wandelt es sich gemäß der Seinsweise? (vgl. III) Wo liegt die Notwendigkeit für Gründung? Im Ab- und Un-grund, Und wo dieses? Im Da-sein.

b 1. Auflage 1929: Daxin die bestimmte Auslegung von Seyn: 1. Ausgesagtsein (Wahrsein), 2. Hergestelltsein aus (Woraus des Bestehens, φύσις, 3. (1. u. 2.) Anwesenheit — beständige.

c 1. Auflage 1929: Diese >Vorstellung< von Grund nicht nur allgemein und unbestimmt hingenommen, sondern hinter der Unbestimmtheit zugleich die Bestimmtheit einer ganz begrenzten Herkunft. Λόγος — (ratio) — ὑποκείμενον als οὐσία — τί ἔστιν, das Ständigste — Anwesende. Vgl. den >Ursprung< der vier Ursachen.

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