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Vom Wesen des Grundes

In der geflissentlichen Abkehr von diçsem Problembezirk und vielmehr rückblickend auf den Ausgang der Untersuchung soll jetzt kurz erörtert werden, ob etwas und was für das Problem des »Satzes vom Grunde« durch die versuchte Erhellung des »Wesens« des Grundes gewonnen ist. Der Satz besagt: alles Seiende hat seinen Grund. Durch das Vorstehende wird zunächst aufgehellt, warum das so ist. Weil Sein »von Hause aus« als vorgängig verstandenes ursprünglich begründet, meldet jedes Seiende als Seiendes in seiner Art »Gründe« an, mögen diese eigens erfaßt und angemessen bestimmt werden oder nicht. Weil »Grund« ein transzendentaler Wesenscharakter des Seins überhaupt ist, deshalb gilt vom Seienden der Satz des Grundes. Zum Wesen des Seins aber gehört Grund, weil es Sein (nicht Seiendes) nur gibt in der Transzendenz als dem weltentwerfend befindlichen Gründen.

Sodann ist bezüglich des Satzes vom Grunde deutlich geworden, daß der »Geburtsort« dieses Prinzips weder im Wesen der Aussage noch in der Aussagewahrheit, sondern in der ontologischen Wahrheit, d. h. aber in der Transzendenz selbst liegt. Die Freiheit ist der Ursprung des Satzes vom Grunde; denn in ihr, der Einheit von Überschwung und Entzug, gründet sich das als ontologische Wahrheit sich ausbildende Begründen.

Von diesem Ursprung herkommend, verstehen wir nicht nur den Satz in seiner inneren Möglichkeit, sondern wir bekommen auch ein Auge für das Merkwürdige und bislang Unaufgehellte seiner Fassungen, das in der vulgären Formel allerdings unterdrückt ist. Gerade bei Leibniz finden sich Prägungen des Satzes, die einem scheinbar unerheblichen Moment seines Gehalts Ausdruck geben. In schematischer Zusammenstellung lauten sie: ratio est cur hoc potius existit quam aliud; ratio est cur sie potius existit quam aliter; ratio est cur aliquid potius existit quam nihil. Das »cur« äußert sich als »cur potius quam«. Auch hier ist nicht das erste Problem, auf welchem Wege und mit welchen Mitteln diese jeweils faktisch in ontischen Verhaltungen gestellten Fragen zur Entscheidung zu bringen seien. Der

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