VOM WESEN DER WAHRHEIT
Vom Wesena der Wahrheit ist die Rede. Die Frage nach dem Wesen der Wahrheit kümmert sich, nicht darum, ob die Wahrheit jeweils eine Wahrheit der praktischen Lebenserfahrung oder einer wirtschaftlichen Berechnung, je die Wahrheit einer technischen Überlegung oder der politischen Klugheit, im besonderen eine Wahrheit der wissenschaftlichen Forschung oder einer künstlerischen Gestaltung, oder gar die Wahrheit einer denkenden Besinnung oder eines kultischen Glaubens ist. Von alldem sieht die Wesensfrage weg und blickt in das Eine hinaus, was jede »Wahrheit« überhaupt als Wahrheit auszeichnet.
Doch versteigen wir uns mit der Frage nach dem Wesen nicht in die Leere des Allgemeinen, die jedem Denken den Atem versagt? Bringt die Verstiegenheit solchen Fragens nicht das Bodenlose aller Philosophie an den Tag? Ein wurzelhaftes, dem Wirklichen zugekehrtes Denken muß doch zuerst und ohne Umschweife darauf dringen, die wirkliche Wahrheit, die uns heute Maß und Stand gibt, gegen die Verwirrung des Meinens und Rechnens aufzurichten. Was soll angesichts der wirklichen Not die von allem Wirklichen absehende (»abstrakte«) Frage nach dem Wesen der Wahrheit? Ist die Wesensfrage nicht das Unwesentlichste und das Unverbindlichste, was überhaupt gefragt werden kann?
Niemand wird sich der einleuchtenden Sicherheit dieser Bedenken entziehen. Keiner darf den drängenden Ernst dieser Bedenken leichthin mißachten. Wer aber spricht aus diesen Bedenken? Der »gesunde« Menschenverstand. Er pocht auf die Forderung des handgreiflichen Nutzens und eifert gegen das
a 5. Auflage 1954: Wesen: 1. quidditas — das Was — κοινον; 2. Ermöglichung — Bedingung der Möglichkeit; 3. Grund der Ermöglichung.