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Vom Wesen der Wahrheit

Wissen vom Wesen des Seienden, welches wesentliche Wissen seit langem »Philosophie« heißt.

Der gemeine Menschenverstand hat seine eigene Notwendigkeit; er behauptet sein Recht mit der ihm allein zustehenden Waffe. Das ist die Berufung auf das »Selbstverständliche« seiner Ansprüche und Bedenken. Die Philosophie jedoch kann den gemeinen Verstand nie widerlegen, weil er für ihre Sprache taub ist. Die Philosophie darf ihn nicht einmal widerlegen wollen, weil der gemeine Verstand blind ist für das, was sie vor den Wesensblick stellt.

Überdies halten wir uns selbst in der Verständlichkeit des gemeinen Verstandes, sofern wir uns in jenen vielförmigen »Wahrheiten« der Lebenserfahrung und des Handelns, des Forschens, Gestaltens und Glaubens gesichert wähnen. Wir selbst betreiben die Auflehnung des »Selbstverständlichen« gegen jeden Anspruch des Fragwürdigen.

Wenn daher schon nach der Wahrheit gefragt werden muß, dann verlangt man die Antwort auf die Frage, wo wir heute stehen. Man will wissen, wie es heute mit uns steht. Man ruft nach dem Ziel, das dem Menschen in seiner Geschichte und für diese gesetzt werden soll. Man will die wirkliche »Wahrheit«. Also doch Wahrheit!

Bei dem Ruf nach der wirklichen »Wahrheit« wird man doch auch schon wissen, was Wahrheit überhaupt bedeutet. Oder weiß man dies nur »gefühlsmäßig« und »im allgemeinen«? Allein ist dieses ungefähre »Wissen« und die Gleichgültigkeit dagegen nicht elender als das bloße Nichtkennen des Wesens der Wahrheit?


1.


Der geläufige Begriff der Wahrheit


Was versteht man denn gewöhnlich unter »Wahrheit«? Dieses hohe und zugleich doch abgeschliffene und fast stumpfe Wort

GA 9