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Vom Wesen der Wahrheit

man auch als gleich selbstverständlich hin, daß die Wahrheit ein Gegenteil hat und daß es die Unwahrheit gibt. Die Unwahrheit des Satzes (Unrichtigkeit) ist das Nichtübereinstimmen der Aussage mit der Sache. Die Unwahrheit der Sache (Unechtheit) bedeutet das Nichteinstimmen des Seienden mit seinem Wesen. Jedesmal läßt sich die Unwahrheit als ein NichtStimmen begreifen. Dieses fällt aus dem Wesen der Wahrheit heraus. Deshalb kann die Unwahrheit als solches Gegenteil der Wahrheit da, wo es die Erfassung des reinen Wesens der Wahrheit gilt, auf die Seite gestellt werden.

Doch bedarf es denn überhaupt noch einer besonderen Enthüllung des Wesens der Wahrheit? Ist das reine Wesen der Wahrheit nicht schon in dem von keiner Theorie verstörten und durch seine Selbstverständlichkeit geschützten, gemeingültigen Begriff hinreichend vorgestellt? Wenn wir überdies jene Zurückführung der Satzwahrheit auf die Sachwahrheit für das nehmen, als was sie sich zunächst zeigt, als eine theologische Erklärung, und wenn wir vollends die philosophische Wesensumgrenzung gegen die Einmischung der Theologie .rein erhalten und den Wahrheitsbegriff auf die Satzwahrheit beschränken, dann treffen wir zugleich mit einer alten, wenngleich nicht mit der ältesten Überlieferung des Denkens zusammen, nach der die Wahrheit die Übereinstimmung {ομοίωσις) einer Aussage (λόγος) mit einer Sache (πραγμα) ist. Was bleibt an einer Aussage hier noch Fragwürdiges, gesetzt, daß wir wissen, was Übereinstimmung einer Aussage mit der Sache bedeutet? Wissen wir das?

2.


Die innere Möglichkeit der Übereimtimmurig


Von Übereinstimmen sprechen wir in verschiedener Bedeutung. Wir sagen z.B. angesichts zweier auf dem Tisch vorhandener Fünfmarkstücke: sie stimmen miteinander überein. Beide kom-

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