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Vom Wesen der Wahrheit

men überein in dem Einen ihres Aussehens. Deshalb haben sie dieses gemeinsam und daher sind sie in dieser Hinsicht gleich. Ferner sprechen wir von Übereinstimmen, wenn wir z.B. über eines der vorhandenen Fünfmarkstücke aussagen: dieses Geldstück ist rund. Hier stimmt die Aussage überein mit dem Ding. Jetzt besteht die Beziehung nicht zwischen Ding und Ding, sondern zwischen einer Aussage und einem Ding. Worin sollen aber das Ding und die Aussage übereinkommen, wo doch die Bezogenen offensichtlich in ihrem Aussehen verschieden sind? Das Geldstück ist aus Metall. Die Aussage ist überhaupt nicht stofflich. Das Geldstück ist rund. Die Aussage hat überhaupt nicht die Art eines Räumlichen. Mit dem Geldstück kann man etwas kaufen. Die Aussage darüber ist niemals ein Zahlungsmittel. Aber trotz aller Ungleichheit beider stimmt die genannte Aussage als wahre überein mit dem Geldstück. Und dieses Stimmen soll nach dem geläufigen Begriff der Wahrheit eine Angleichung sein. Wie kann das völlig Ungleiche, die Aussage, an das Geldstück sich angleichen? Sie müßte ja zum Geldstück werden und dergestalt ganz und gar sich selbst aufgeben. Das gelingt der Aussage nie. In dem Augenblick, da solches gelänge, könnte auch nicht mehr eine Aussage als Aussage mit dem Ding übereinstimmen. In der Angleichung muß die Aussage vielmehr bleiben, ja sogar erst werden, was sie ist. Worin besteht ihr von jeglichem Ding durchaus verschiedenes Wesen? Wie vermag die Aussage gerade durch ein Beharren auf ihrem Wesen einem Anderen, dem Ding, sich anzugleichen?

Angleichung kann hier nicht ein dinghaftes Gleichwerden zwischen ungleichartigen Dingen bedeuten. Das Wesen der Angleichung bestimmt sich vielmehr aus der Art jener Beziehung, die zwischen der Aussage und dem Ding obwaltet. Solange diese »Beziehung« unbestimmt und in ihrem Wesen ungegründet bleibt, verläuft aller Streit über die Möglichkeit und Unmöglichkeit, über die Art und den Grad der Angleichung im Leeren. Die Aussage über das Geldstück bezieht »sich« aber auf dieses Ding, indem sie es vor-stellt und vom Vor-gestellten sagt,


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