187
Vom Wesen der Wahrheit

dem Menschen zu. Aber die Unwahrheit ist ja auch das Gegenteil der Wahrheit, weshalb sie als deren Unwesen füglich aus dem Kreis der Frage nach dem reinen Wesen der Wahrheit ferngehalten wird. Dieser menschliche Ursprung der Unwahrheit bestätigt ja nur aus dem Gegensatz das »über« dem Menschen waltende Wesen der Wahrheit »an sich«. Diese gilt der Metaphysik als das Unvergängliche und Ewige, das nie auf die Flüchtigkeit und Zerbrechlichkeit des Menschenwesens gebaut sein kann. Wie soll dann noch das Wesen der Wahrheit in der Freiheit des Menschen seinen Bestand und Grund finden können?

Das Widerstreben gegen den Satz, das Wesen der Wahrheit sei die Freiheit, stützt sich auf Vormeinungen, deren hartnäckigste also lauten: die Freiheit ist eine Eigenschaft des Menschen. Das Wesen der Freiheit braucht und duldet keine weitere Befragung. Was der Mensch sei, weiß jedermann.


4.


Das Wesen der Freiheit


Aber der Hinweis auf den Wesenszusammenhang zwischen der Wahrheit als Richtigkeit und der Freiheit erschüttert diese Vormeinungen, gesetzt freilich, daß wir zu einer Wandlung des Denkens bereit sind. Die Besinnung auf den Wesenszusammenhang zwischen Wahrheit und Freiheit bringt uns dahin, die Frage nach dem Wesen des Menschen in einer Hinsicht zu verfolgen, die uns die Erfahrung eines verborgenen Wesensgrundes des Menschen (des Daseins) verbürgt, so zwar, daß sie uns zuvor in den ursprünglich wesenden Bereich der Wahrheit versetzt. Von hier aus zeigt sich aber auch: die Freiheit ist nur deshalb der Grund der inneren Möglichkeit der Richtigkeit, weil sie ihr eigenes Wesen aus dem ursprünghcheren Wesen der einzig wesentlichen Wahrheit empfängt. Die Freiheit wurde zunächst als Freiheit für das Offenbare eines Offenen bestimmt. Wie ist

GA 9