PLATONS LEHRE VON DER WAHRHEIT


Die Erkenntnisse der Wissenschaften werden gewöhnlich in Sätzen ausgesprochen und dem Menschen als greifbare Ergebnisse zur Verwendung vorgesetzt. Die »Lehre« eines Denkers ist das in seinem Sagen Ungesagte, dem der Mensch ausgesetzt wird, auf daß er dafür sich verschwende.

Damit wir das Ungesagte eines Denkers, welcher Art es auch sei, erfahren und inskünftig wissen können, müssen wir sein Gesagtes bedenken. Dieser Forderung recht genügen, hieße, alle »Gespräche« Platons in ihrem Zusammenhang durchsprechen. Weil dies unmöglich ist, soll ein anderer Weg auf das in Platons Denken Ungesagte zuleiten.

Was da ungesagt bleibt, ist eine Wendung in der Bestimmung des Wesens der Wahrheit. Daß diese Wendung sich vollzieht, worin diese Wendung besteht, was durch diesen Wandel des Wesens der Wahrheit begründet wird, sei durch eine Auslegung des »Höhlengleichnisses« verdeutlicht.

Mit der Darstellung des »Höhlengleichnisses« beginnt das siebente Buch des »Gespräches« über das Wesen der πόλις (Politeia VII, 514a, 2 bis 517a, 7). Das »Gleichnis« erzählt eine Geschichte. Die Erzählung entfaltet sich im Gespräch des Sokrates mit Glaukon. Jener stellt die Geschichte dar. Dieser bekundet das erwachende Erstaunen. Die beigegebene Übersetzung geht in den eingeklammerten Stellen erläuternd über den griechischen Text hinaus.


Martin Heidegger (GA 9) Wegmarken page 203