221
Pia tons Lehre von der Wahrheit

Befreiung. Aber das Losgelassenwerden ist noch nicht die wirkliche Freiheit.

Diese wird erst auf der dritten Stufe erreicht. Hier ist der von den Fesseln Befreite zugleich in das Außerhalb der Höhle, »ins Freie«, versetzt, Da liegt über Tag alles offen zutage. Der Anblick dessen, was die Dinge sind, erscheint jetzt nicht mehr nur im künstlichen und verwirrenden Schein des Feuers innerhalb der Höhle. Die Dinge selbst stehen da in der Bündigkeit und Verbindlichkeit ihres eigenen Aussehens. Das Freie, in das der Befreite jetzt versetzt worden, meint nicht das Unbegrenzte einer bloßen Weite, sondern die begrenzende Bindung des Hellen, das im Licht der miterblickten Sonne erstrahlt. Die Anblicke dessen, was die Dinge selbst sind, die εϊδη (Ideen) machen das Wesen aus, in dessen Licht jedes einzelne Seiende als dieses und als jenes sich zeigt, in welchem Sichzeigen das Erscheinende erst unverborgen und zugänglich wird.


Wiederum bestimmt sich die jetzt erreichte Stufe der Aufenthalte nach dem hier maßgebenden und eigentlichen Unverborgenen. Deshalb ist sogar schon am Beginn der Schilderung der dritten Stufe alsbald die Rede von τών νϋν λεγομένων άληϋών (516a, 5) »von dem, was jetzt als das Unverborgene angesprochen wird«. Dieses Unverborgene ist άλη&έστερον, noch unverboxgener als die künstlich beleuchteten Dinge innerhalb der Höhle in ihrem Unterschied zu den Schatten. Das jetzt erreichte Unverborgene ist das Unverborgenste: αλη&έοτατα. Zwar gebraucht Platon an dieser Stelle diese Bezeichnung nicht, wohl aber nennt er ro άλη&έστατον das Unverborgenste in der entsprechenden und gleich wesentlichen Erörterung am Beginn, des VI. Buches der Politeia. Hier (484 c, 5 sq.) sind genannt ot... εΐς rd αλη&έστατον αποβλέπονχες »die auf das Unverborgenste Hinblickenden«. Das Unverborgenste zeigt sich in dem, was je das Seiende ist. Ohne ein solches Sichzeigen des Was-seins (d.h. der Ideen) bliebe dies und jenes und all solches und damit überhaupt alles verborgen. »Das Unverborgenste« heißt so, weil es


Martin Heidegger (GA 9) Wegmarken