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Platons Lehre von der Wahrheit

Aufgang des Verborgenen in die Unverborgenheit, wobei diese selbst als die Entbergung den Grundzug der Anwesung ausmacht. Platon begreift die Anwesung (οϋσία) als Ιδέα. Diese untersteht jedoch nicht der Unverborgenheit, indem sie das Unverborgene, ihm dienend, zum Erscheinen bringt. Vielmehr bestimmt umgekehrt das Scheinen (Sichzeigen), was innerhalb seines Wesens und im einzigen Rückbezug auf es selbst dann noch Unverborgenheit heißen darf. Die Ιδέα ist nicht ein darstellender Vordergrund der ἀλήθεια, sondern der sie ermöglichende Grund. Aber auch so nimmt die ϊδέα noch etwas vom anfänglichen, aber unbekannten Wesen der ἀλήθεια in Anspruch.

Die Wahrheit ist nicht mehr als Unverborgenheit der Grundzug des Seins selbst, sondern sie ist, zufolge der Unterjochung unter die Idee zur Richtigkeit geworden, fortan die Auszeichnung des Erkennens des Seienden.

Seitdem gibt es ein Streben nach der »Wahrheit« im Sinne der Richtigkeit des Blickens und der Blickstellung. Seitdem wird in allen Grundstellungen zum Seienden die Gewinnung des rechten Ideenblickes entscheidend. Die Besinnung auf die παιδεία und der Wandel des Wesens der άλήϋεια gehören zusammen und in dieselbe durch das Höhlengleichnis dargestellte Geschichte des Übergangs von Aufenthalt zu Aufenthalt.

Die Verschiedenheit der beiden Aufenthalte innerhalb und außerhalb der Höhle ist ein Unterschied der σοφία. Dies Wort bedeutet im allgemeinen das Sichauskennen in etwas, das Sichverstehen auf etwas. Eigentlicher meint σοφία das Sichauskennen in dem, was als das Unverborgene anwest und als das Anwesende das Beständige ista. Das Sichauskennen deckt sich nicht mit dem bloßen Besitz von Kenntnissen. Es meint das Innehalten eines Aufenthalts, der überall zuvor den Anhalt im Beständigen hat.


a Separatum aus »Geistige Überlieferung« 1942: vgl. Heraklit, Fragment 112.


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GA 9