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Platons Lehre von der Wahrheit

Das Sichauskennen, das dort unten in der Höhle maßgebend ist, ή έκεϊ σοφία (516 c, 5), wird überragt von einer anderen σοφία. Diese ist einzig und allem zuvor darauf aus, das Sein des Seienden in den »Ideen« zu erblicken. Diese σοψία ist, im Unterschied zu jener dort in der Höhle, ausgezeichnet durch das Verlangen, über das nächste Anwesende hinaus den Anhalt in dem sich selbst zeigenden Beständigen zu erlangen. Diese σοψία ist in sich eine Vorliebe und Freundschaft (φιλία) für die »Ideen«, die das Unverborgene gewähren. Die σοφία außerhalb der Höhle ist φιλοσοφία. Dieses Wort kennt die Sprache der Griechen bereits vor Platons Zeit und gebraucht es allgemein zur Benennung der Vorliebe für ein rechtes Sichauskennen. Durch Platon erst wird das Wort in Anspruch genommen als Name für jenes Sichauskennen im Seienden, das zugleich das Sein des Seienden als Idee bestimmt. Seit Platon wird das Denken über das Sein des Seienden — »Philosophie«, weil es ein Aufblicken zu den »Ideen« ist. Die erst mit Platon beginnende »Philosophie« aber hat fortan den Charakter dessen, was später »Metaphysik« heißt. Die Grundgestalt der Metaphysik macht Platon selbst in der Geschichte anschaulich, die das Höhlengleichnis erzählt. Ja sogar das Wort »Metaphysik« ist in Platons Darstellung schon vorgeprägt. Dort, wo er (516) die Eingewöhnung des Blickens auf die Ideen veranschaulicht, sagt Platon (516 c, 3): Das Denken geht μετ e«eZVa »über« jenes, was nur schattenhaft und abbildmäßig erfahren wird, hinaus εϊς ταϋτα, »hin zu« diesen, nämlich den »Ideen«. Sie sind das im nichtsinnlichen Blicken erblickte Übersinnliche, das mit den Werkzeugen des Leibes unbegreifliche Sein des Seienden. Und das Höchste im Bereich des Übersinnlichen ist jene Idee, die als Idee aller Ideen die Ursache für den Bestand und das Erscheinen alles Seienden bleibt. Weil diese »Idee« in solcher Weise für alles die Ursache ist, deshalb ist sie auch »die Idee«, die »das Gute« heißt. Diese höchste und erste Ursache wird von Platon und entsprechend von Aristoteles τὸ ἰδέα, das Göttliche genannt. Seit der Auslegung des Seins als Ϊδέα ist das Denken auf das Sein des Seienden metaphysisch,


Martin Heidegger (GA 9) Wegmarken

GA 9