VOM WESEN UND BEGRIFF DER Φύσις
ARISTOTELES, PHYSIK B, 1



Φύσις haben die Römer mit natura übersetzt; natura von nasci geboren werden, entstammen, griech. γεν —; natura — was aus sich entstammen läßt.

Der Name »Natur« ist seitdem jenes Grundwort, das wesentliche Bezüge des abendländischen geschichtlichen Menschen zum Seienden, das er nicht ist und das er selbst ist, nennt. Die grobe Aufzählung von herrschend gewordenen Entgegensetzungen macht dies sichtbar: Natur und Gnade (Uber-natur), Natur und Kunst, Natur und Geschichte, Natur und Geist. Man spricht aber zugleich auch von der »Natur« des Geistes, von der »Natur« der Geschichte und von der »Natur« des Menschen und meint hierbei nicht nur den Leib oder gar das Geschlecht, sondern sein ganzes »Wesen«. So ist denn allgemein die Rede von der »Natur der Dinge« und d. h. von dem, was sie in der -Möglichkeit« sind und wie sie sind, gleichviel ob sie und wiefern sie »wirklich« sind.

Das »Natürliche« des Menschen bedeutet — christlich gedacht — das ihm bei der Schöpfung Mitgegebene und seiner Freiheit Anheungegebene; diese »Natur« führt. — sich, selbst überlassen — durch die Leidenschaften die Zerrüttung des Menschen herbei; deshalb muß die »Natur« niedergehalten werden: sie ist in gewisser Weise das, was nicht sein soll.

In anderer Auslegung gilt gerade die Loslassung der Triebe und Leidenschaften als das Natürliche des Menschen; homo natura ist nach Nietzsche jener Mensch, der den »Leib« zum Leitfaden der Weltauslegung macht und daher zum »Sinnlichen« überhaupt, zu den »Elementen« (Feuer, Wasser, Erde, Licht), zu den Leidenschaften und Trieben und dem durch sie Bedingten ein neues Verhältnis der Einstimmigkeit gewinnt, kraft dessen er zugleich »das Elementare« in seine Macht bringt


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GA 9