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Vom Wesen und Begriff der Φύαις

Holz ist in der Eignung zu einem »Tisch«; aber den Charakter dieser Eignung zu einem Tisch hat das Holz nicht überhaupt, sondern nur als dieses ausgewählte und zugeschnittene; Auswahl und Zuschnitt aber, d. h. der Eignungscharakter bestimmt sich aus der »Herstellung« des »Herzustellenden«. Herstellen aber meint griechisch gedacht und nach der ursprünglichen Nennkraft unseres deutschen Wortes: Her-, in die Anwesung, als so und so Aussehendes, Fertiges, stellen. Die νλη ist das eignungshaft Verfügliche, was wie Fleisch und Knochen zu einem Seienden gehört, das in ihm die ausgängliche Verfügung seiner Bewegtheit hat. Aber erst in der Gestelltheit ins Aussehen ist das Seiende, was es je ist und wie es ist. So kann denn Aristoteles folgern:

»Daher dürfte (denn) auf eine andere Weise die φύσις sein die Gestellung in das Aussehen für das Seiende, was in ihm selbst die ausgängliche Verfügung über die Bewegtheit hat. Freilich sind Gestellung und Aussehen nichts Eigenständiges; sondern vielmehr je nur am jeweiligen Seienden in der Ansprechung aufweisbar. Das aber, was aus diesem her (dem Verfüglichen und der Gestellung) seinen Stand hat, ist zwar nicht die φύσις selbst, wohl aber das von der φύσις her Seiende, wie z. B. ein Mensch.« (193b 3-6)

Diese Sätze geben nicht lediglich eine Zusammenfassung der nunmehr bewiesenen Behauptung, die φύσις sei nach zwei Weisen anzusprechen. Weit wichtiger ist die Hervorhebung des entscheidenden Gedankens, daß die so gedoppelt angesprochene φύσις eine Art des Seins ist und nicht ein Seiendes. Deshalb schärft Aristoteles erneut ein: Aussehen und Gestellung in das Aussehen dürfen nicht platonisch wie etwas für sich Abstehendes genommen werden, sondern als das Sein, worin je das geeinzelte Seiende, z.B. dieser Mensch hier, steht. Dieses geeinzelte Seiende ist zwar von νλη und μορφή her, aber gerade deshalb selbst nicht, wie diese in ihrer wesensmäßigen Zusammengehörigkeit,' eine Art zu sein, nämlich φύσις, sondern ein Seiendes. Anders gewendet: jetzt wird deutlich, inwiefern die aristotelische

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Martin Heidegger (GA 9) Wegmarken

GA 9