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Vom Wesen und Begriff der Φύαις

ken abgeschätzt werden kann, ja eingesehen werden muß, Zunächst freilich bleibt dunkel, weshalb hier die ἐντελέχεια eingeführt wird, um zu begründen, daß und inwiefern die μορφή μαλλον φύσις sei. Nur das Eine sehen wir deutlich, daß Aristoteles erneut sich auf das λέγειν, auf die Art der Ansprechung beruft, um sichtbar zu machen, worin das eigentliche Sein eines Seienden erblickt wird. Doch die zunächst dunkle Begründung hellt sich uns auf, wenn wir vorher das Zubegründende ins Klare bringen. Was sagt die neue, über die bisherige Gleichstellung von ὕλη und μορφή hinausgehende Behauptung, die μορψή sei mehr φύσις? Früher stießen wir auf den entscheidenden Leitsatz: die φύσις ist οὐσία, eine Art der Seiendheit, will sagen, der Anwesung. Der zu begründende Satz behauptet demnach: die μορφή genügt mehr dem Wesen der Seiendheit als die ὕλη. Noch früher wurde ausgemacht: die φύσει ὄντα sind κινούμενα, ihr Sein ist die Bewegtheit.

Es gilt jetzt, die Bewegtheit als οὐσία zu begreifen, und d.h. zu sagen, was Bewegtheit denn sei. Erst so hellt sich das Wesen der φύσις als der ἀρχή κινήσεως auf, und erst aus dem so aufgehellten Wesen der φύσις wird einsichtig, welhalb die μορφή mehr das Wesen der οὐσία erfüllt und deshalb mehr φύσις ist.

Was ist Bewegtheit, nämlich als das Sein, d.h. die Anwesung des Bewegten? Aristoteles gibt die Antwort in Phys. Γ 1—3. Es wäre vermessen, die aristotelische Auslegung der Bewegtheit, das Schwierigste, was in der Geschichte der abendländischen Metaphysik überhaupt gedacht werden mußte, in wenigen Sätzen vor den Wesensblick zu bringen. Gleichwohl ist es soweit zu versuchen, daß wir den Beweisgang bezüglich des ορφ-Charakters der φύσις nachvollziehen können. Der Garund der Schwierigkeit der aristotelischen Wesensbestimmung liegt in der befremdlichen Einfachheit des Wesensblickes, die wir selten erreichen, weil wir den griechischen Seinsbegriff kaum noch ahnen und zugleich beim Nachdenken über die griechische Erfahrung der Bewegtheit das Entscheidende vergessen. Dies besteht darin, daß die Griechen die Bewegtheit aus der Ruhe begreifen.

GA 9