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Vom Wesen und Begriff der φύαις

»Überdies aber ist die ψύαις, die angesprochen wird als Entstellung in den Ent-stand, (nichts geringeres als) Gang zur φύσις. (Und dies) keineswegs nämlich wie die Verarztung angesprochen wird als Gang nicht etwa zur ärztlichen Kunst, sondern zur Gesundheit; denn notwendig geht zwar die Verarztung aus von der ärztlichen Kunst, aber sie hat nicht die Richtung auf diese (als ihr Ende); aber auch so nicht (wie Verarztung zur Gesundheit) verhält sich die φύσις zur φύσις, sondern das, was von der φύσις her und in ihrer Weise ein Seiendes ist, das geht von etwas weg zu etwas hin, sofern es von der φύσις (in der Bewegtheit dieses Ganges) bestimmt ist. ›Zu was‹ nun aber geht es φύσις-mässig auf? Nicht zu dem ›woraus‹ (es sich jeweilig entnimmt), sondern zu dem, als welches es jeweilig entsteht.« (193b 12—18)


Die im vorigen Satz als γένεσις angezeigte φύσις wird jetzt durch die Bestimmung ὁδός begriffen. Wir übersetzen ὁδός sogleich mit Weg und denken dabei an die Strecke, die zwischen Ausgang und Ziel liegt. Das Weghafte des Weges ist aber noch in anderer Hinsicht zu suchen: ein Weg führt durch einen Bereich, öffnet sich selbst und eröffnet diesen. Weg ist dann soviel wie Gang von etwas weg zu etwas hin, Weg als das Unterwegssein.

Wenn der γένεσις-Charakter näher bestimmt werden soll, dann heißt das: die Bewegtheit dieser Art von Bewegung muß sich verdeutlichen. Die Bewegtheit der Bewegung ist ἐνέργεια ἀτελής — das Im-Werk-Stehen, das noch nicht in sein Ende gekommen. Ἔργον, Werk, bedeutet nach früherem aber nicht Gemächte und Mache, sondern das Her-zustellende, In-die-Anwesung-zu-Bringende. Die ἐνέργεια ἀτελής ist in sich bereits ein Unterwegs, das als solches gangmäßig herausstellt eben das Her-zustellende. Das Unterwegs ist bei der φύσις die μορφή (Gestellung). Auch wurde im vorigen Satz schon angedeutet, von woher die μορφή als Gestellung unterwegs ist, sofern in ihr eben das Aussehen des φύσει ὄν selbst sich stellt. Unbestimmt blieb das Wohin des Ganges, genauer die mit seiner Bestimmung sich ergebende Kennzeichnung der ὁδός.


Martin Heidegger (GA 9) Wegmarken

Pathmarks pp. 222-223