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Vom Wesen und Begriff der Φύσις

kennzeichnet. Vielmehr ist jener kaum recht ausgesprochene Satz, die οὐσία sei φύσις τις, ein Nachklang des großen Anfangs der griechischen und des ersten Anfangs der abendländischen Philosophie. In diesem Anfang wird das Sein als φύσις gedacht dergestalt, daß die von Aristoteles in den Wesensbegriff gebrachte φύσις selbst nur ein Abkömmling der anfänglichen φύσις sein kann. Und ein ganz schwacher und unkenntlicher Nachklang jener anfänglich als Sein des Seienden entworfenen φύσις ist selbst uns noch geblieben, wenn wir von der »Natur« der Dinge, der Natur des »Staates« und der »Natur« des Menschen sprechen und dabei nicht etwa die naturhaften (physikalisch, chemisch und biologisch gedachten) »Grundlagen« meinen, sondern das Sein und Wesen des Seienden schlechthin.

Wie aber sollen wir die anfänglich gedachte φύσις denken? Gibt es noch Spuren ihres Entwurfs in den Bruchstücken der Sprüche der anfänglichen Denker? In der Tat; nicht nur Spuren, sondern all ihr Gesagtes, das uns noch vernehmlich ist, sagt, wenn wir das rechte Ohr dafür haben, nur von der φύσις. Die mittelbare Bezeugung dafür gibt das inzwischen und seit langem herrschend gewordene Unwesen der historischen Deutung des anfänglichen griechischen Denkens als »Naturphilosophie« im Sinne einer »primitiven« »Chemie«. Doch überlassen wir dies Unwesen seinem eigenen Verfall.

Denken wir zum Schluß den Spruch eines anfänglichen Denkers, der unmittelbar von der φύσις sagt und dabei, vgl. Frgm. 1, das Sein des Seienden a. s. im Ganzen meint. Das Fragment 123 (aus Porphyrios entnommen) des Heraklit lautet: φύσις κρύπτεσθαι φιλεῖ. Das Sein liebt es, sich zu verbergen. Was sagt dies? Man hat gemeint und meint, dies sage, das Sein sei schwer zugänglich und es bedürfe großer Anstrengungen, um es aus seinem Versteck herauszuholen und ihm das Sichverbergen gleichsam auszutreiben. Aber das Gegenteil ist die Not: Das Sichverbergen gehört zur Vor-liebe des Seins, d.h. zu dem, worin es sein Wesen festgemacht hat. Und das Wesen des Seins ist, sich zu entbergen, aufzugehen, hervorzukommen ins Unverborgene


Martin Heidegger (GA 9) Wegmarken

Pathmarks p. 300