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Zur Seins frage

[236] Vorstellen von einer Verlegenheit in die andere, ohne daß sich die Quelle dieser Ratlosigkeit zeigen möchte.

Doch alles kommt, so scheint es, sogleich in die beste Ordnung, wenn wir längst Gedachtes nicht geflissentlich außerachtlassen: die Subjekt-Objekt-Beziehung. Sie sagt, zu jedem Subjekt (Mensch) gehöre ein Objekt (Sein) und umgekehrt. Gewiß; wenn nur nicht dieses Ganze — die Beziehung, das Subjekt, das Objekt — schon im Wesen dessen beruhte, was wir, wie sich zeigte, ganz unzureichend als Beziehung zwischen Sein und Mensch vorstellen. Subjektivität und Objektivität gründen ihrerseits schon in einer eigentümlichen Offenbarkeit des »Seins« und des »Menschenwesens«. Sie legt das Vorstellen auf die Unterscheidung beider als Objekt und Subjekt fest. Diese gilt seitdem als absolut und bannt das Denken ins Ausweglose. Eine Ansetzung des »Seins«, die »das Sein« aus der Rücksicht auf die Subjekt-Objekt-Beziehung nennen möchte, bedenkt nicht, was sie schon an Fragwürdigem ungedacht läßt. So bleibt denn die Rede von einer »Zuwendung des Seins« ein Notbehelf und durchaus fragwürdig, weil das Sein in der Zuwendung beruht, so daß diese nie erst zum »Sein« hinzutreten kann.

Anwesen (»Sein«) ist als Anwesen je und je Anwesen zum Menschenwesen, insofern Anwesen Geheiß ist, das jeweils das Menschenwesen ruft. Das Menschenwesen ist als solches hörend, weil es ins rufende Geheiß, ins An-wesen gehört. Dieses jedes Mal Selbe, das Zusammengehören von Ruf und Gehör, wäre dann »das Sein«? Was sage ich? »Sein« ist es durchaus nicht mehr, — wenn wir »Sein«, wie es geschicklich waltet, nämlich als Anwesen, voll auszudenken versuchen, auf welche Weise allein wir seinem geschicklichen Wesen entsprechen. Dann müßten wir das vereinzelnde und trennende Wort: »das Sein« ebenso entschieden fahren lassen wie den Namen: »der Mensch«. Die Frage nach der Beziehung beider enthüllte sich als unzureichend, weil sie niemals in den Bereich dessen gelangt, was sie erfragen möchte. In Wahrheit können wir dann nicht einmal


Martin Heidegger (GA 9) Wegmarken

Pathmarks p. 308

GA 9