HEGEL UND DIE GRIECHEN



Der Titel des Vortrags läßt sich in eine Frage umformen. Sie lautet: Wie stellt Hegel im Gesichtskreis seiner Philosophie die Philosophie der Griechen dar? Wir können diese Frage beantworten, indem wir von einem heutigen Standort aus Hegels Philosophie historisch betrachten und dabei dem Verhältnis nachgehen, in dem Hegel seinerseits die griechische Philosophie historisch vorstellt. Dieses Vorgehen ergibt eine historische Untersuchung über historische Zusammenhänge. Solches Vorhaben hat sein eigenes Recht und seinen Nutzen.

Indessen steht Anderes auf dem Spiel. Bei dem Namen »die Griechen« denken wir an den Anfang der Philosophie, bei dem Namen »Hegel« an deren Vollendung. Hegel selber versteht seine Philosophie unter dieser Bestimmung.

Aus dem Titel »Hegel und die Griechen« spricht uns das Ganze der Philosophie in seiner Geschichte an und dies jetzt, zu einer Zeit, da der Zerfall der Philosophie offenkundig wird; denn sie wandert in die Logistik, Psychologie und Soziologie ab. Diese selbständigen Forschungsbezirke sichern sich ihre steigende Geltung und den vielschichtigen Einfluß als Funktionsformen und Erfolgsinstrumente der politisch-wirtschaftlichen, d. h. der in einem wesenhaften Sinne technischen Welt.

Allein — der von weither bestimmte und unaufhaltsame Zerfall der Philosophie ist nicht schon das Ende des Denkens, eher Anderes, jedoch der öffentlichen Feststellbarkeit Entzogenes. Dem möchte das im folgenden Gesagte für eine Weile nachsinnen als ein Versuch, den Blick in die Sache des Denkens wachzurufen. Die Sache des Denkens steht auf dem Spiel. Sache besagt hier: Das, was von sich her die Erörterung verlangt. Um solchem Verlangen entsprechen zu können, ist nötig, daß wir uns von der Sache des Denkens anblicken lassen und in die Bereitschaft


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GA 9