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Hegel und die Griechen

gleichen wie Unverborgenheit und Entbergung verweisen? Ist die Ἀλήθεια als Unverborgenheit dasselbe wie das Sein, d. h. das An-wesen? Dafür spricht, daß noch Aristoteles mit τὰ ὄντα, das Seiende, das Anwesende, dasselbe meint wie mit τὰ ἀληθέα, das Unverborgene. Doch wie gehören Unverborgenheit und Anwesenheit, ἀλήθεια und οὐσία, zueinander? Sind beide von gleichem Wesensrang? Oder ist nur die Anwesenheit auf die Unverborgenheit angewiesen, nicht aber umgekehrt diese auf jene? Dann hätte zwar das Sein mit der Entbergung zu tun, nicht aber die Entbergung mit dem Sein. Mehr noch: Wenn das alsbald zur Geltung kommende Wesen der Wahrheit als Richtigkeit und Gewißheit nur im Bereich der Unverborgenheit bestehen kann, dann hat zwar die Wahrheit mit der Ἀλήθεια zu tun, nicht aber diese mit der Wahrheit.

Wohin gehört die Ἀλήθεια selbst, wenn sie aus der Hinsicht auf Wahrheit und Sein gelöst und in ihr Eigenes befreit werden muß? Hat das Denken schon den Blickbereich, um auch nur zu vermuten, was sich im Entbergen begibt und gar in der Verbergung, die alles Entbergen braucht?

Das Rätselhafte der Ἀλήθεια kommt uns näher, zugleich jedoch die Gefahr, daß wir sie zu einem phantastischen Weltwesen hypostasieren.

Man hat denn auch schon mehrfach vermerkt, eine Unverborgenheit an sich könne es nicht geben, Unverborgenheit sei doch stets Unverborgenheit »für jemand«. Dadurch werde sie unausweichlich »subjektiviert«.

Muß jedoch der Mensch, an den hier gedacht wird, notwendig als Subjekt bestimmt sein? Heißt »für den Menschen« unbedingt schon: durch den Menschen gesetzt? Beides dürfen wir verneinen und müssen daran erinnern, daß die ἀλήθεια, griechisch gedacht, allerdings für den Menschen waltet, der Mensch aber durch den λόγος bestimmt bleibt. Der Mensch ist der Sagende. Sagen, althochdeutsch sagan, bedeutet: zeigen, erscheinen· und sehen-lassen. Der Mensch ist das Wesen, das sagend das Anwesende in seiner Anwesenheit vorliegen läßt und das

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