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Kants These über das Sein

Dinge und vom Rechnen mit ihnen geleitet ist. Wir können einen uns vorliegenden Stein, der offenkundig »ist«, nach allen .Richtungen absuchen und untersuchen, wir werden daran niemals das »ist« finden. Und doch ist dieser Stein.

Wodurch empfängt »Sein« den Sinn von »bloß die Position«? Woher und wie umgrenzt sich der Sinn des Titels »reine Position«? Bleibt diese Auslegung von Sein als Position für uns nicht befremdlich, sogar willkürlich, jedenfalls mehrdeutig und daher ungenau?

Kant selbst übersetzt zwar »Position« durch Setzung. Aber dies hilft nicht weit. Denn unser deutsches Wort Setzung ist ebenso mehrdeutig wie das lateinische positio. Dies kann heißen: I.Setzen, Stellen, Legen als Handlung. 2. Das Gesetzte, das Thema. 3. Die Gesetztheit, die Lage, die Verfassung. Wir können aber Position und Setzung auch, noch so verstehen, daß einheitlich gemeint ist: das Setzen eines Gesetzten als solchen in seiner Gesetztheit.

In jedem Fall zeigt die Kennzeichnung des Seins als Position in eine Mehrdeutigkeit, die nicht zufällig und uns auch nicht unbekannt ist. Denn sie spielt überall in dem Bereich jenes Setzens und Stellens, das wir als das Vorstellen kennen. Dafür hat die gelehrte Sprache der Philosophie zwei charakteristische Namen: Vorstellen ist percipere, perceptio, etwas an sich nehmen, fassen; und: repraesentare, sich etwas entgegen-, gegenwärtighalten. Im Vorstellen stellen wir etwas vor uns, daß es als so Gestelltes (Gesetztes) uns entgegen, als Gegenstand steht. Sein als Position meint die Gesetztheit von etwas im setzenden Vorstellen. Je nach dem, was und wie gesetzt wird, hat die Setzung, die Position, das Sein, einen anderen Sinn. Kant fährt deshalb nach der Aufstellung seiner These über das Sein im Text der »Kritik der reinen Vernunft« fort:

»Im logischen Gebrauche ist es [nämlich Sein als »bloß die Position«] lediglich die Copula eines Urteils. Der Satz: Gott ist allmächtig, enthält zwei Begriffe, die ihre Objekte haben: Gott und Allmacht; das Wörtchen: ist, ist nicht noch

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GA 9