ERSTE STUNDE

Der Satz vom Grund lautet: Nihil est sine ratione. Man übersetzt: Nichts ist ohne Grund. Was der Satz aussagt, leuchtet ein. Das Einleuchtende verstehen wir, und zwar ohne weiteres. Unser Verstand wird nicht weiter bemüht, um den Satz vom Grund zu verstehen. Woran liegt dies? Daran, daß der menschliche Verstand selbst überall und stets, wo und wann er tätig ist, alsbald nach dem Grund Ausschau hält, aus dem das, was ihm begegnet, so ist, wie es ist. Der Verstand schaut nach dem Grund aus, insofern er selbst, der Verstand nämlich, die Angabe des Grundes verlangt. Der Verstand fordert Be-gründung für seine Aussagen und seine Behauptungen. Nur begründete Aussagen sind verständlich und verständig. Indes verlangt der Verstand Gründe nicht erst für seine Aussagen, sondern das menschliche Vorstellen schaut bereits nach Gründen aus, wenn es sich mit dem abgibt, worüber dann erst Aussagen gemacht werden sollen. Das menschliche Vorstellen trachtet in all dem, wovon es umgeben ist und angegangen wird, nach Gründen, oft nur nach den nächstliegenden, bisweilen auch nach den weiter zurückliegenden Gründen, schließlich aber nach den ersten und letzten Gründen.

Dieses Trachten nach den Gründen durchzieht das menschliche Vorstellen, bevor es sich damit abgibt, nur die Aussagen zu begründen. Das überall waltende Trachten nach Gründen verlangt, das Begegnende zu ergründen.

In allem Er-gründen und Be-gründen finden wir uns auf einem Weg zum Grund. Ohne es recht zu wissen, sind wir stets in irgendeiner Weise davon angesprochen, dahin aufgerufen, die Gründe und den Grund zu beachten.

Als ob sich dies von selbst ergäbe, sind wir in unserem Verhalten und Vorstellen unterwegs zum Grund. Wir haben gleichsam


Martin Heidegger (GA 10) Der Satz vom Grund page 3