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Vorlesung

ohne Grund«. Der Ton hat sich vom »Nichts« auf das »ist« und vom »ohne« auf den »Grund« verlagert. Das Wort »ist« nennt stets auf irgendeine Weise das Sein. Die Verlagerung des Tones läßt uns einen Zusammenklang von Sein und Grund hören. Der Satz vom Grund sagt, in der neuen Tonart gehört, dies: Zum Sein gehört dergleichen wie Grund. Der Satz sagt jetzt vom Sein. Was der Satz jetzt sagt, verfällt zunächst allerdings leicht einer Mißdeutung. »Zum Sein gehört der Grund« —, dies möchte man verstehen im Sinne von: Das Sein hat Grund, d. h. das Sein ist gegründet. Davon spricht das gewöhnlich verstandene und als gültig angenommene principium rationis nie. Gegründet ist nach dem Satz vom Grund jeweils nur das Seiende. »Zum Sein gehört Grund« sagt dagegen soviel wie: Sein ist als Sein gründend. Demzufolge erst hat das Seiende je und je seinen Grund.

Die neue Tonart enthüllt den Satz vom Grund als einen Satz vom Sein. Dementsprechend bewegen wir uns, wenn wir jetzt den Satz in der neuen Tonart erörtern, im Bereich dessen, was man mit einem allgemeinen Titel die »Seinsfrage« nennen kann. Wenn wir den Satz vom Grund als einen Satz vom Sein verstehen, dann lassen wir, so scheint es, die Frage nach dem Wesen des Grundes fallen. Allein das genaue Gegenteil trifft zu. Die Erörterung des Wesens des Grundes gelangt allererst durch den anders betonten Satz vom Grund in ihren zuständigen Bereich. Jetzt gilt es zu erblicken, daß und in welchem Sinne dergleichen wie Grund zum Wesen des Seins gehört. Sein und Grund gehören zusammen. Aus seiner Zusammengehörigkeit mit dem Sein als Sein empfängt der Grund sein Wesen. Umgekehrt waltet aus dem Wesen des Grundes das Sein als Sein. Grund und Sein (»sind«) das Selbe, nicht das Gleiche, was schon die Verschiedenheit der Namen »Sein« und »Grund« anzeigt. Sein »ist« im Wesen: Grund. Darum kann Sein nie erst noch einen Grund haben, der es begründen sollte. Demgemäß bleibt der Grund vom Sein weg. Der Grund bleibt ab vom Sein. Im Sinne solchen Ab-bleibens des Grundes vom Sein »ist« das Sein


Martin Heidegger (GA 10) Der Satz vom Grund