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Vorlesung

vorstellen. Jenes, als was jeweils etwas vorgestellt wird, ist das Unterstellte. Dieses weitgedachte Rechnen bestimmt auch den Sinn des Wortes Kalkül. Man spricht vom mathematischen Kalkül. Aber es gibt auch einen anderen. Noch Hölderlin gebraucht das Wort Kalkül in den »Anmerkungen« zu seinen Übersetzungen des Oedipus Rex und der Antigonä des Sophokles in einem tieferen Sinne. In den »Anmerkungen zum Oedipus« (Stuttg. Ausgabe V, 196) heißt es:

»Auch andern Kunstwerken fehlt, mit den griechischen verglichen, die Zuverlässigkeit; wenigstens sind sie bis izt mehr nach Eindrücken beurteilt worden, die sie machen, als nach ihrem gesetzlichen Kalkül und sonstiger Verfahrensart, wodurch das Schöne hervorgebracht wird.«

Und weiter:

»Das Gesetz, der Kalkül, die Art, wie, ein Empfindungssystem, der ganze Mensch, als unter dem Einflüsse des Elements sich entwickelt, und Vorstellung und Empfindung und Räsonnement, in verschiedenen Sukzessionen, aber immer nach einer sichern Regel nacheinander hervorgehen, ist im Tragischen mehr Gleichgewicht, als reine Aufeinanderfolge.«
Und die »Anmerkungen zur Antigonä« beginnen (a. a. O. S. 265): »Die Regel, das kalkulable Gesetz der Antigonä verhält sich zu dem des Oedipus, wie — zu —, so daß sich das Gleichgewicht mehr vom Anfang gegen das Ende, als vom Ende gegen den Anfang zu neigt.«

Insofern beide Anmerkungen vom »Gleichgewicht« sprechen, scheint auch der hier genannte Kalkül quantitativ-mechanisch, mathematisch vorgestellt zu sein. Doch das von Hölderlin genannte Gleichgewicht gehört zur Waage und Ausgewogenheit


Martin Heidegger (GA 10) Der Satz vom Grund