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Vigiliae I

Aber das Denken muß zuvor in das Gesprochene ausgegangen sein, um schweigen zu können. Im Schweigen jedoch muß es den Anschein ertragen, daß es nichts mehr habe, was zu sagen sei.

Das Geläut der Stille braucht die Sage, die in ihrem Gesprochenen nichts ausspricht, sondern spricht, um das Ungesprochene zu schweigen und dies verschwiegenermaßen.


»Dialektik« — Man meint, das Dialektische kennzeichne mein Denken. Aber dieses Meinen irrt im Vordergrund umher und vergißt das Mitdenken, den Gang des Fragens. Dann müßte sich anderes zeigen. Vom vorstellenden Denken aus läßt es sich stets nur ungemäß nennen und auf die Gefahr, damit neue Handhabe zu liefern, die es verstattet, bei der vorhin genannten Irrmeinung zu verharren. Wenn man Dreiheit und Dreischritt als Kennzeichen des Dialektischen ansetzt (ohne jede Besinnung auf die Wesensherkunft der »Drei«), dann wäre zu sagen im Hinblick auf diese Hinsicht, daß mein Denken gerade nicht innerhalb der »Drei« denkt, sondern aus der Drei-Heit der Drei, die freilich nicht ein Viertes zu ihnen ist, auch nicht das Erste — sondern der Dialektik gerade unzugängliche Wesensort des διαλέγεσθαι und des Λόγος.


Zur »Einführung in die Metaphysik« (vgl. ob. 30) — Im Fall, daß man sich genötigt fühlt, zuzugeben, daß hier sich ein Weg entfaltet, dem alles Spätere schon im verhüllten Blick steht, wird man, um trotzdem noch mit üblichen Einwänden recht zu behalten, nur die gegenteilige Feststellung treffen, es sei dann, wenn alles schon gedacht worden, alles seitdem stecken geblieben und kein Fortschritt erzielt worden.


[62] Gunst sei das Wort, das nennt die ereignend brauchende Zu-Neigung des Vorenthaltes des Ver-Hältnisses — als der Wahrnis des Ratsals. In dieser Zu-Neigung ereignet sich das Vereignen in die Ver-Neigung. (73)

Die Gunst bleibt immer noch Ver-Hüllung der Huld. Verhüllung


Martin Heidegger (GA 100) Vigiliae und Notturno

GA 100