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Vigiliae I

aber ist hier nicht Entzug, sondern die Gewähr der währen den Wahrnis.


Während die Ahnungslosen noch 1945 über das Menschenbild faselten und meinten, mit ihrer abgestandenen Moral und Metaphysik ein neues Zeitalter heraufzuführen, war in den Vereinigten Staaten Amerikas schon die Herstellung des Elektronenhirns unterwegs, dem sich jetzt der menschliche Bestand an- und einpassen muß, um überhaupt dem, was ist, noch gerecht zu werden.

Man bedenkt nirgends, wie weit wir erst hinausdenken müssen, um in den Beginn des Rückgangs zu gelangen. Vgl. 117.


Was darf das rückwegige Denken im Weltalter des Vorbeigangs [63] sagen? Was muß es in seinem Gesprochenen schweigen? Wie entspricht dem Vorbeigang die Vigil?

Wie west der Vorbeigang, wenn er weder nur erst Geschick, noch schon Ereignis ist als gebautes? (Der gebaute Brauch).

Aber gehört er nicht doch in das unangefangene Ereignis selbst?

Ist es nur vom Gang und Wohnender Sterblichen her zu denken? Doch diese sind je und je stets die Gebrauchten und unzertrennlich vom Brauch. Der Vor-bei-Weg. (Der Weg durch das Vor Bei).

West der Vorbeigang nicht eigentlich im Rückweg, in dem sogar, was das »Vor-« des (Ereignisses) bewegt in seinem geschickhaften »bei«.—

»Vor« und »bei« — das ganze Vor-bei ist zweideutig; je nachdem das Vor gedacht wird als Vor—in das Gestell und seine Vollendung und das »Bei« als Verhülltes Zurück in den Anfang; oder als »Vor« im Sinne des Hervor des Ereignisses im Unter-Schied und das »bei« als das verfestigte im Gestell währende Geschick der Vergessenheit.


Solange man das Zeitalter auf Krisen hin belauert, Krisenbefunde [64] anhäuft, Diagnosen stellt und Therapien verordnet — bleibt man in der Knechtschaft des Gestells und zugleich am entschiedensten


Martin Heidegger (GA 100) Vigiliae und Notturno

GA 100