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Vigiliae II

[84] So bleibt dann der Brauch und vordem schon das Seyn für das metaphysische Vorstellen unzugänglich, vollends aber für die Vor stellungsweise der Wissenschaften; dies letztere auch dann, wenn die Wissenschaften sich bereit linden, mit der Philosophie allgemeine Fragen durchzusprechen.


»Zusammengehörigkeit von Vernehmen und Sein« sagt noch nichts von Brauch; läßt auch unbestimmt, worin die Zusammengehörigkeit gründet, wo das Selbe der Herkunft von »Sein« und Vernehmen zu suchen. Aber die »Zusammengehörigkeit.« τὸ αὐτό ... deutet bereits an, daß »Sein« in gewisser Weise gegen dem Vernehmen über steht und für sich besteht, gleich als läge »Vernehmen« außerhalb von »Sein«.

Worauf deutet diese Einschränkung von »Sein«? (Vgl. Einführung in die Metaphysik, 1935).


Das Unvermögen zur Unterscheidung dessen, was von Hause aus unterschieden sein möchte. Das ist der Unterschied, der Schied des Zwischen für Seiendes und Sein.

Die Vergessenheit des Unterschieds läßt das Vermögen des Menschenwesens im Unvermögen; versagt ihm das Mögen; verwehrt ihm den Einlaß in die Herkunft des Unterschiedes.


[85] Nur langsam öffnet sich der Blick dafür, daß die Metaphysik und die Wissenschaften (und nicht nur diese) ihren Aufenthalt im Unterschied angebaut haben, so zwar, daß der Unterschied als solcher und d. h. in der Fragwürdigkeit seines Wesens vergessen bleibt.

Die Metaphysik und die Wissenschaften sind je auf ihre Weise vom Unterschiedenen des Unterschieds beansprucht. Sie entsprochen ihm, insofern sie wie die Metaphysik das Sein des Seienden vorstellen (be-greifen) und wie die Wissenschaften das Seiende (im Sein) erklären und beschreiben.

Einsicht: weder die Metaphysik noch die Wissenschaften vermögen von sich aus einander in den Spielraum einer fruchtbaren


Martin Heidegger (GA 100) Vigiliae und Notturno

GA 100