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Die Kehre

»Wo aber Gefahr ist, wächst
Das Rettende auch.«


Denken wir jetzt dieses Wort noch wesentlicher als der Dichter es dichtete, denken wir es aus in das Äußerste, dann sagt es: Wo die Gefahr als die Gefahr ist, gedeiht auch schon das Rettende. Dieses stellt sich nicht nebenher ein. Das Rettende steht nicht neben der Gefahr. Die Gefahr selber ist, wenn sie als die Gefahr ist, das Rettende. Die Gefahr ist das Rettende, insofern sie aus ihrem verborgen kehrigen Wesen das Rettende bringt. Was heißt »retten«? Es besagt: lösen, freimachen, freien, schonen, bergen, in die Hut nehmen, wahren. Lessing gebraucht noch das Wort »Rettung« betonterweise in dem Sinne von Rechtfertigung: in das Rechte, Wesenhafte zurückstellen, darin wahren. Das eigentlich Rettende ist das Wahrende, die Wahrnis.

Wo aber ist die Gefahr? Welches ist der Ort für sie? Insofern die Gefahr das Sein selber ist, ist sie nirgendwo und überall. Sie hat keinen Ort als etwas anderes zu ihr selber. Sie ist selbst die ortlose Ortschaft alles Anwesens. Die Gefahr ist die Epoche des Seins, wesend als das Gestell.

Ist die Gefahr als Gefahr, dann ereignet sich eigens ihr Wesen. Die Gefahr ist aber das Nachstellen, als welches das Sein selber in der Weise des Gestells der Wahrnis des Seins mit der Vergessenheit nachsetzt. Im Nachstellen west dies, daß das Sein seine Wahrheit in die Vergessenheit ent-setzt, dergestalt, daß das Sein sein Wesen verweigert. Wenn sonach die Gefahr als die Gefahr ist, dann ereignet sich eigens das Nachstellen, als welches das Sein selber seiner Wahrheit mit der Vergessenheit nachstellt. Wenn dieses mit-Vergessenheit-Nachstellen eigens sich ereignet, dann kehrt die Vergessenheit als solche ein. Dergestalt durch die Einkehr dem Entfallen entrissen, ist sie nicht mehr Vergessenheit. Bei solcher Einkehr ist die Vergessenheit der Wahrnis des Seins nicht mehr die Vergessenheit des Seins, sondern einkehrend kehrt sie sich in die Wahrnis des Seins. Wenn die Gefahr als die Gefahr ist, ereignet sich mit der Kehre der Vergessenheit die Wahrnis des Seins,


Martin Heidegger (GA 11) Identität und Differenz