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Ein Vorwort. Brief an Pater William. J. Richardson

sucht, die Notwendigkeit der Wahrheitsfrage im Hinblick auf die Seinsfrage zu erörtern:


Immer wieder ist einzuschärfen: In der hier gestellten Wahrheitsfrage gilt es nicht nur eine Abänderung des bisherigen Begriffes der Wahrheit, nicht eine Ergänzung der geläufigen Vorstellung, es gilt eine Verwandlung des Menschseins selbst. Diese Verwandlung ist nicht durch neue psychologische oder biologische Einsichten gefordert. Der Mensch ist hier nicht Gegenstand irgendeiner Anthropologie. Der Mensch steht hier zur Frage in der tiefsten und weitesten, der eigentlich grundhaften Hinsicht: Der Mensch in seinem Bezug zum Sein — d. h. in der Kehre: Das Seyn und dessen Wahrheit im Bezug zum Menschen.*


Das »Geschehen« der Kehre, wonach Sie fragen, »ist« das Seyn als solches. Es läßt sich nur aus der Kehre denken. Dieser eignet keine besondere Art von Geschehen. Vielmehr bestimmt sich die Kehre zwischen Sein und Zeit, zwischen Zeit und Sein aus dem, wie Es Sein, wie Es Zeit gibt. Über dieses »Es gibt« versuchte ich in dem Vortrag »Zeit und Sein«**, den Sie selbst hier am 30. Januar 1962 gehört haben, einiges zu sagen.

Setzen wir statt »Zeit«: Lichtung des Sichverbergens von Anwesen, dann bestimmt sich Sein aus dem Entwurfbereich von Zeit. Dies ergibt sich jedoch nur insofern, als die Lichtung des Sichverbergens ein ihm entsprechendes Denken in seinen Brauch nimmt.

Anwesen (Sein) gehört in die Lichtung des Sichverbergens (Zeit). Lichtung des Sichverbergens (Zeit) erbringt Anwesen (Sein).


* M. Heidegger, Grundfragen der Philosophie. Ausgewählte »Probleme« der »Logik«. Freiburger Vorlesung Wintersemester 1937/38. GA Bd. 45. Hrsg. v. F.-W. v. Herrmann. Frankfurt a. M. 1984, S. 214.

** M. Heidegger, Zeit und Sein, in: Zur Sache des Denkens. M. Niemeyer Tübingen 1969, S. 1-25.


Martin Heidegger (GA 11) Identität und Differenz