Der Mensch spricht. Wir sprechen im Wachen und im Traum.
Wir sprechen stets; auch dann, wenn wir kein Wort verlauten
lassen, sondern nur zuhören oder lesen, sogar dann, wenn wir
weder eigens zuhören noch lesen, stattdessen einer Arbeit nachgehen
oder in der Muße aufgehen. Wir sprechen ständig in irgendeiner
Weise. Wir sprechen, weil Sprechen uns natürlich ist.
Es entspringt nicht erst aus einem besonderen Wollen. Man
sagt, der Mensch habe die Sprache von Natur. Die Lehre gilt,
der Mensch sei im Unterschied zu Pflanze und Tier das sprachfähige
Lebewesen. Der Satz meint nicht nur, der Mensch besitze
neben anderen Fähigkeiten auch diejenige zu sprechen.
Der Satz will sagen, erst die Sprache befähige den Menschen,
dasjenige Lebewesen zu sein, das er als Mensch ist. Als der
Sprechende ist der Mensch: Mensch. Wilhelm von Humboldt
hat dies gesagt. Doch es bleibt zu bedenken, was dies heißt: der
Mensch.
In jedem Falle gehört die Sprache in die nächste Nachbarschaft des Menschenwesens. Überall begegnet Sprache. Darum kann es nicht verwundern, daß der Mensch, sobald er sich denkend in dem umsieht, was ist, alsbald auch auf die Sprache trifft, um sie in einer maßgebenden Hinsicht auf das, was sich von ihr zeigt, zu bestimmen. Das Nachdenken versucht, sich eine Vorstellung von dem zu verschaffen, was Sprache im allgemeinen ist. Das Allgemeine, das für jede Sache gilt, nennt man das Wesen. Allgemeingültiges im allgemeinen vorstellen, das ist nach den herrschenden Urteilen der Grundzug des Denkens. Denkend von der Sprache handeln, heißt demgemäß: vom Wesen der Sprache eine Vorstellung geben und diese gegen andere Vorstellungen gehörig abgrenzen. Dergleichen scheint auch dieser Vortrag zu versuchen. Allein, der Titel des Vortrags lautet nicht: Vom Wesen der Sprache. Er lautet nur: Die Sprache. »Nur« sagen wir und setzen doch offenbar einen weit anmaßenderen