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Die Sprache im Gedicht

ist die Neige des Sonnenganges. Darin liegt: Die Dämmerung ist sowohl die Neige des Tages als auch die Neige des Jahres. Die letzte Strophe einer Dichtung, die »Sommersneige« (169) überschrieben ist, singt:


Der grüne Sommer ist so leise
Geworden und es läutet der Schritt
Des Fremdlings durch die silberne Nacht.
Gedächte ein blaues Wild seines Pfads,


Des Wohllauts seiner geistlichen Jahre!


Immer kehrt in Trakls Dichtung dieses »so leise« wieder. Wir meinen, »leise« bedeute nur: kaum merklich für das Ohr. In dieser Bedeutung wird das Genannte auf unser Vorstellen bezogen. Aber »leise« heißt: langsam; gelisian heißt »gleiten«. Das Leise ist das Entgleitende. Der Sommer entgleitet in den Herbst, den Abend des Jahres.


. . . und es läutet der Schritt
Des Fremdlings durch die silberne Nacht.


Wer ist dieser Fremdling? Wessen Pfade sind es, deren »ein blaues Wild« gedenken möchte? Gedenken heißt: » Vergessenes sinnen«,


... da im grünen Geäst
Die Drossel ein Fremdes in den Untergang rief.

(107, vgl. 34)


Inwiefern soll ein »blaues Wild« (vgl. 99, 146) dem Untergehenden nachdenken? Empfängt das Wild sein Blaues aus jener »Bläue«, die »geistlich dämmert« und als die Nacht aufgeht? Zwar ist die Nacht dunkel. Aber das Dunkle ist nicht