43
Die Sprache im Gedicht

Die verweste Gestalt des Menschen ist der Marter des Sengenden [47] und dem Stechenden des Dorns ausgeliefert. Ihre Wildheit ist nicht durchschienen von der Bläue. Die Seele dieser Menschengestalt steht nicht im Wind des Heiligen. Sie ist deshalb ohne Fahrt. Der Wind selber, Gottes Wind, bleibt darum einsam. Eine Dichtung, die das blaue Wild nennt, das sich jedoch kaum erst aus dem »Dornengestrüpp« lösen kann, schließt mit den Versen (99):


Immer tönt

An schwarzen Mauern Gottes einsamer Wind.


»Immer«, dies meint: solange das Jahr und sein Sonnengang noch im Düsteren des Winters verharrt und niemand des Pfades gedenkt, auf dem der Fremdling »läutenden Schrittes« die Nacht durchschreitet. Diese Nacht ist selbst nur die bergende Verhüllung des Sonnenganges. »Gehen«, ίέναι, heißt indogermanisch: ier-, das Jahr.


Gedächte ein blaues Wild seines Pfads,


Des Wohllauts seiner geistlichen Jahre!

(169)


Das Geistliche der Jahre wird aus der geistlich dämmernden Bläue der Nacht bestimmt.


. . . O, wie ernst ist das hyazinthene Antlitz der Dämmerung.

» Unterwegs «(102)


Die geistliche Dämmerung ist so wesentlichen Wesens, daß der Dichter eigens eine der Dichtungen mit dem Wort »Geistliche Dämmerung« überschreibt (137). Auch in ihr begegnet das Wild, aber ein dunkles. Sein Wildes hat zumal den Zug ins Finstere und die Neige zur stillen Bläue. Indessen befährt der