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Die Sprache im Gedicht

wie altgriechische Verse sagen, die Sterne. Alles wird »monden«. [49] Der die Nacht durchschreitende Fremde heißt »der Mondene« (134). Die »mondene Stimme« der Schwester, die immer durch die geistliche Nacht tönt, hört der Bruder dann, wenn er in seinem Kahn, der noch ein »schwarzer« ist und kaum beglänzt vom Goldenen des Fremdlings, diesem auf nächtiger Weiherfahrt zu folgen versucht.

Wenn Sterbliche dem in den Untergang gerufenen »Fremden«,^. h. jetzt dem Fremdling, nachwandern, gelangen sie selber ins Fremde, werden sie selbst Fremdlinge und Einsame (64, 87 u.a.).

Durch die Fahrt auf dem nächtigen Sternenweiher, das ist der Himmel über der Erde, er-fährt die Seele die Erde erst als Erde in ihrem »kühlen Saft« (126). Die Seele entgleitet in die abendlich dämmernde Bläue des geistlichen Jahres. Sie wird zur »Herbstseele« und als diese wird sie zur »blauen Seele«.

Die wenigen jetzt genannten Strophen und Verse weisen in die geistliche Dämmerung, führen auf den Pfad des Fremdlings, zeigen Art und Fahrt derer, die, seiner gedenkend, ihm in den Untergang folgen. Zur Zeit der »Sommersneige« wird das Fremde in seinem Wandern herbstlich und dunkel.

»Herbstseele« nennt Trakl eine Dichtung, deren vorletzte Strophe singt (124) :


Bald entgleitet Fisch und Wild.
Blaue Seele, dunkles Wandern
Schied uns bald von Lieben, Andern.
Abend wechselt Sinn und Bild.


Die Wanderer, die dem Fremdling folgen, sehen sich alsbald geschieden »von Lieben«, die für sie »Andere« sind. Die Anderen - das ist der Schlag der verwesten Gestalt des Menschen.

Unsere Sprache nennt das aus einem Schlag geprägte und in diesen Schlag verschlagene Menschenwesen das »Geschlecht«. Das Wort bedeutet sowohl das Menschengeschlecht im Sinne [50]


Martin Heidegger (GA 12) Unterwegs zur Sprache