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Die Sprache im Gedicht

Dürfen wir noch, falls wir dies bedenken, von Zufall reden, wenn zwei unter Trakls Dichtungen eigens das Abendland nennen? Die eine ist »Abendland« überschrieben (171 ff.). Die andere heißt: »Abendländisches Lied« (139 f.). Es singt das Selbe wie der »Gesang des Abgeschiedenen«. Das Lied hebt an mit dem staunend sich neigenden Ruf:


O der Seele nächtlicher Flügelschlag:


Der Vers endet mit einem Doppelpunkt, der alles ihm Folgende einschließt bis zum Ubergang aus dem Untergang in den Aufgang. An dieser Stelle der Dichtung, vor ihren beiden Schlußversen, steht ein zweiter Doppelpunkt. Ihm folgt das einfache Wort: »Ein Geschlecht«. Das »Ein« ist betont. Es ist, soweit ich sehe, das einzige gesperrt geschriebene Wort in den Dichtungen Trakls. Dieses betonte »Ein Geschlecht« birgt den Grundton, aus dem das Gedicht dieses Dichters das Geheimnis schweigt. Die Einheit des einen Geschlechtes entquillt dem Schlag, der aus der Abgeschiedenheit her, aus der in ihr waltenden stilleren Stille, aus ihren »Sagen des Waldes«, aus ihrem »Maß und Gesetz« durch »die mondenen Pfade der Abgeschiedenen« die Zwietracht der Geschlechter einfältig in die sanftere Zwiefalt versammelt.

Das »Ein« im Wort »Ein Geschlecht« meint nicht »eins« statt »zwei«. Das »Ein« bedeutet auch nicht das Einerlei einer faden Gleichheit. Das Wort »Ein Geschlecht« nennt hier überhaupt keinen biologischen Tatbestand, weder die »Eingeschlechtlichkeit«, noch die »Gleichgeschlechtlichkeit«. In dem betonten »Ein Geschlecht« verbirgt sich jenes Einende, das aus der versammelnden Bläue der geistlichen Nacht einigt. Das Wort spricht aus dem Lied, worin das Land des Abends gesungen wird. Demgemäß behält hier das Wort »Geschlecht« seine volle bereits genannte mehrfältige Bedeutung. Es nennt einmal das geschichtliche Geschlecht des Menschen, die Menschheit, im Unterschied zum übrigen Lebendigen (Pflanze und


Martin Heidegger (GA 12) Unterwegs zur Sprache