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Das Wesen der Sprache

der Name und das nennende Wort hier eher in jenem Sinn gemeint, den wir aus den Wendungen kennen: Im Namen des Königs, im Namen Gottes. Gottfried Benn beginnt eines seiner Gedichte: »Im Namen dessen, der die Stunden spendet«. »Im Namen« besagt hier: Unter dem Geheiß, nach dem Geheiß. Die Wörter »Name« und »Wort« sind in Georges Gedicht anders, tiefer gedacht denn als bloße Zeichen. Doch was sage ich? Wird in einem Gedicht auch noch gedacht? Allerdings, in einem Gedicht von solchem Rang wird gedacht, und zwar ohne Wissenschaft, ohne Philosophie. Trifft dies zu, dann dürfen wir, müssen wir sogar mit der gebotenen Zurückhaltung und Vorsicht der zunächst herausgegriffenen Schlußzeile des Gedichtes, das überschrieben ist: »Das Wort«, besinnlicher nachdenken.


Kein ding sei wo das wort gebricht.


Wir wagten die Umschreibung: Kein Ding ist, wo das Wort fehlt. »Ding« wird hier im überlieferten umfassenden Sinn verstanden, der jegliches Etwas meint, das irgendwie ist. So genommen ist auch ein Gott ein Ding. Erst wo das Wort gefunden ist für das Ding, ist das Ding ein Ding. So erst ist es. Demnach müssen wir betonen: Kein Ding ist, wo das Wort, d. h. der Name fehlt. Das Wort verschafft dem Ding erst das Sein. Doch wie kann ein bloßes Wort dies leisten, daß es etwas dahin bringt zu sein? Der wahre Sachverhalt liegt doch umgekehrt. Siehe den Sputnik. Dieses Ding, wenn es ein solches ist, ist doch unabhängig von diesem Namen, der ihm nachträglich angehängt wurde. Aber vielleicht ist es mit Dingen von der Art der Raketen, Atombomben, Reaktoren und dergleichen anders bestellt als mit dem, was der Dichter in der ersten Strophe der ersten Triade nennt:


Wunder von ferne oder traum

Bracht ich an meines landes saum


Martin Heidegger (GA 12) Unterwegs zur Sprache