173
Das Wesen der Sprache

dort als Geheimnis offenbart, wo der Dichter ein auf der Hand liegendes Kleinod nennen möchte. Welcher Art dieses Kleinod ist, sagt der Dichter nicht. Wir dürfen aber daran den-ken, daß »Kleinod« nach der alten Bedeutung heißt: ein zier-liches Geschenk, das dem Gast zugedacht wird; oder auch ein Geschenk als Zeichen besonderer Gunst, das der Beschenkte fortan bei sich trägt. Kleinod - gehört in die Bezüge zu Gunst und Gast. Achten wir darauf, daß mit dem Gedicht »Das Wort« unter dem Leittitel des Schlußteiles »Das Lied« auch jenes Ge-dicht zusammengehört, das überschrieben ist »Seelied« und beginnt:


Wenn an der kimm in sachtem fall
Eintaucht der feurig rote ball:
Dann halt ich auf der düne
rast Ob sich mir zeigt ein lieber gast.


Die letzte Strophe nennt den Gast und nennt ihn zugleich nicht. Wie der Gast, so hält sich das Kleinod im Ungenannten. Ungenannt vollends bleibt, was dem Dichter als die höchste Gunst nahe kommt. Das Schlußgedicht des Schlußteiles sagt sie, singt sie und nennt sie doch nicht.

Kleinod, Gunst und Gast sind gesagt, aber nicht genannt. Also verschwiegen? Nein. Verschweigen können wir nur, was wir wissen. Der Dichter verschweigt nicht die Namen. Er weiß sie nicht. Er bekennt es selbst in dem einen Vers, der wie der Generalbaß durch alle Lieder tönt:


Worin du hängst, das weißt du nicht.


Die Erfahrung dieses Dichters mit dem Wort geht ins Dunkle und bleibt dabei selber noch verschleiert. Wir müssen sie so lassen; aber indem wir die dichterische Erfahrung so bedenken, lassen wir sie dabei auch schon in der Nachbarschaft zum Den-ken. Indes sollen wir nicht meinen, eine denkende Erfahrung mit der Sprache werde an Stelle der dichterischen eher ins Helle führen und dürfe die Schleier wegheben. Was ein Denken hier


Martin Heidegger (GA 12) Unterwegs zur Sprache

GA 12