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Das Wesen der Sprache

unserer Besinnung ist das »Es gibt« anders gebraucht; nicht: Es gibt das Wort, sondern: Es, das Wort, gibt... So verfliegt der ganze Spuk mit dem »Es«, vor dem sich viele mit Recht ängstigen; aber das Denkwürdige bleibt, kommt erst zum Scheinen. Dieser einfache, ungreifbare Sachverhalt, den wir nennen durch die Wendung: Es, das Wort, gibt - enthüllt sich als das eigentlich Denkwürdige, für dessen Bestimmung überall noch die Maße fehlen. Vielleicht kennt sie der Dichter. Aber sein Dichten hat den Verzicht gelernt und gleichwohl durch den Verzicht nichts verloren. Indes, das Kleinod entrinnt ihm doch. Gewiß. Aber es entrinnt in der Weise, daß das Wort verweigert wird. Die Verweigerung ist der Vorenthalt. Darin erscheint gerade das Erstaunliche des Waltens, das dem Wort eignet. Das Kleinod zerfällt keineswegs in das nichtsnutzige Nichts. Das Wort entsinkt nicht in das platte Unvermögen des Sagens. Der Dichter sagt dem Wort nicht ab. Das Kleinod entzieht sich allerdings in das geheimnisvoll Erstaunende, was staunen läßt. Darum sinnt der Dichter, wie der Vorspruch zu »das lied« sagt, auch jetzt noch, er sinnt mehr noch als zuvor: Er fügt noch - nämlich ein Sagen, anders noch als zuvor. Er singt Lieder. Sogleich das erste Lied, das er singt, das ohne Uberschrift bleibt, singt nichts Geringeres als das geahnte Geheimnis des Wortes, das in der Verweigerung sein vorenthaltenes Wesen nahe bringt. Das Lied singt das Geheimnis des Wortes erstaunend, d. h. dichterisch fragend, in drei Strophen zu je drei Versen:


Welch ein kühn-leichter schritt

Wandert durchs eigenste reich

Des märchengartens der ahnin?


Welch einen weckruf jagt

Bläser mit silbernem horn

Ins schlummernde dickicht der Sage?


Martin Heidegger (GA 12) Unterwegs zur Sprache