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Das Wesen der Sprache

Sprache, der uns bekannten, eine Erfahrung zu machen. So liegt denn viel daran, daß wir in der Weisung des Winkes verbleiben, den das verdeutlichte Leitwort gibt, das wir jetzt in folgender Weise umschreiben können:

Das, was uns als die Sprache angeht, empfängt seine Bestimmung aus der Sage als dem alles Be-wëgenden. Ein Wink winkt vom einen weg zum anderen hin. Das Leitwort winkt von den geläufigen Vorstellungen über die Sprache weg in die Erfahrung der Sprache als der Sage.

Winke winken auf vielfältige Weise. Ein Wink kann das, wohin er winkt, so einfach und zugleich erfüllt erwinken, daß wir uns in aller Eindeutigkeit dahin loslassen. Ein Wink kann aber auch so winken, daß er uns zuvor und langehin an das Bedenkliche verweist, von wo er weg winkt, wogegen er das, wohin er winkt, nur erst vermuten läßt als das Denkwürdige, für das die gemäße Denkweise noch fehlt. Von dieser Art ist der Wink, den das Leitwort gibt. Denn das Wesen der Sprache ist uns durch vielfältige Bestimmungen so bekannt, daß wir uns nur schwer daraus lösen. Die Loslösung duldet jedoch keinen Gewaltstreich, weil die Uberlieferung reich an Wahrheit bleibt. Deshalb sind wir daran gehalten, erst unsere geläufige Vorstellung von der Sprache, wenn auch nur im Uberschlag, zu bedenken, dies jedoch im Vorblick auf das, wohin die Nachbarschaft 203 der beiden Weisen des Sagens, Dichten und Denken, winkt: in die Nähe als die Sage. Die Sprache begegnet, wenn man sie unmittelbar wie etwas Anwesendes vorstellt, als Tätigkeit des Sprechens, als Betätigimg der Sprachwerkzeuge, als da sind: der Mund, die Lippen, die Zunge. Die Sprache zeigt sich im Sprechen als eine am Menschen vorkommende Erscheinung. Daß die Sprache seit langer Zeit von da her erfahren, vorgestellt und bestimmt wird, bezeugen die Namen, die sich die abendländischen Sprachen selbst gegeben haben: γλώσσα, lingua, langue, language. Die Sprache ist die Zunge. Im 2. Kapitel der Apostelgeschichte, das vom Pfingstwunder berichtet, heißt es v. 3 und 4:


Martin Heidegger (GA 12) Unterwegs zur Sprache